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Alt 05.06.2004, 16:29     #3
Hermann   Hermann ist offline
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Interview mit Mario Theissen.

Als BMW Motorsport Direktor leitet Dr. Mario Theissen (51) seit 1999 die Projekte von BMW Motorsport.

Herr Theissen, 2003 ist Ihnen der Spagat gelungen, zwischen der Formel 1 in Monaco und den 24 Stunden auf dem Nürburgring zu pendeln. Welche Eindrücke haben sie dort gewonnen?

Mario Theissen: Das war sensationell! Die Atmosphäre am Ring war mitreißend. Das ist beispiellose Publikumsnähe. Und die Gegensätze hätten für mich an diesem Wochenende auch sportlich kaum krasser sein können: Doppelausfall in der Eifel, aber Sieg in Monte Carlo. Was den Einsatz auf dem Nürburgring angeht, haben wir also eindeutig Verbesserungspotenzial.

Auch 2004 gibt es eine Terminüberschneidung mit der Formel 1. Reisen Sie zum Großen Preis von Kanada oder zum Ring?

Theissen: Kanada, das steht außer Frage. Aber ich wünschte, es gäbe diese Überschneidung nicht. Oder es läge wenigstens nicht der Atlantik zwischen den beiden Rennstrecken, dann würde ich wieder pendeln.

Was bedeutet der 24-Stunden-Einsatz für BMW Motorsport?

Theissen: Tourenwagen- und Langstreckensport haben eine lange und erfolgreiche Tradition bei BMW. Ein solcher Marathon ist eine ungeheure sportliche und technische Herausforderung. Es geht um Tempo, Teamwork, Strategie und Standfestigkeit. Das gilt natürlich auch für die 24 Stunden von Spa, zu denen wir in diesem Jahr ebenfalls mit zwei BMW M3 GTR antreten werden. Speziell mit dem Nürburgring-Rennen haben wir noch eine Rechnung aus dem Vorjahr offen. Damals hatten wir an beiden Autos nach dem Einsatz von Trockeneis in der Einführungsrunde unerwartete Getriebedefekte. Dann haben beide Teams sensationell aufgeholt, sind aber schließlich durch Unfälle in der berüchtigten Verkehrsdichte ausgefallen. Weder Defekte noch Kollisionen lassen sich ausschließen. Sportsgeist ist, wenn man trotzdem nicht die Moral verliert. Unsere Mannschaft hat 2003 trotz der frühen Rückschläge unverdrossen gekämpft, ich war stolz auf sie.

Nach welchen Kriterien wurden die Fahrer ausgewählt?

Theissen: Sie sollten sowohl Erfahrung mit der Nordschleife als auch mit leistungsstarken GT-Fahrzeugen wie dem BMW M3 GTR mitbringen und außerdem den langen Atem für diese Distanz. Ein hitzköpfiger Sprinter wäre eine Fehlbesetzung. Ich bin überzeugt, dass wir fahrerisch hervorragend aufgestellt sind.

Wie muss ein Auto für ein 24-Stunden-Rennen vorbereitet werden?

Theissen: Sorgfältig, das ist Grundvoraussetzung Nummer eins, um sicher ins Ziel zu kommen. Die Erfahrung von Schnitzer Motorsport als BMW Partner ist diesbezüglich erste Wahl, keine Frage. Idealerweise ist ein Fahrzeug von vornherein für den Langstreckeneinsatz ausgelegt. Das ist beim BMW M3 GTR grundsätzlich der Fall. Seine ursprüngliche Aufgabe waren 2001 Sportwagenrennen in Amerika. Damals war die Renndauer zumeist vier Stunden, in Ausnahmefällen aber auch erheblich länger. Leistungsvermögen und Standfestigkeit müssen für große Distanzen im optimalen Verhältnis stehen. Das heißt: Die beiden BMW M3 GTR müssen so robust wie nötig, aber bei der zu erwartenden Konkurrenz auch so leicht und schnell wie möglich sein. Von hoher Bedeutung ist zudem die Servicefreundlichkeit, um bei den Boxenstopps möglichst wenig Zeit zu verlieren. Das technische Reglement steckt hier enge Grenzen, die es auszuschöpfen gilt.

Was zeichnet den BMW M3 GTR aus?

Theissen: Eine Menge. Der V8-Motor leistet rund 500 PS und ist dabei gut fahrbar. Das Rennfahrwerk bietet hohe Präzision, und die teilweise aus Kohlefaser bestehende Karosserie ist extrem verwindungssteif. Der BMW M3 GTR ist der extremste M3, den BMW je gebaut hat. Nachdem er 2001 in der American Le Mans Series alle Titel gewonnen hatte, gab es zunächst keine Einsatzmöglichkeit mehr für diesen GT. Aber er ist auf der Rennstrecke definitiv besser aufgehoben als im Museum. Wir freuen uns sehr auf die beiden 24-Stunden-Rennen 2004.

Wie lautet Ihre Zielvorgabe?

Theissen: Ganz einfach: das maximal Mögliche zu erreichen. Präziser kann man das nicht formulieren. Dazu lauern zu viele Unwägbarkeiten, wenn man 24 Stunden lang auf der wohl schwierigsten Rennstrecke der Welt fährt. Wie bei einem Marathon gilt: Jeder, der diese Prüfung besteht, hat gewonnen.
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Viele Grüße Hermann

"Nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft"Heinrich von Kleist
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