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Alt 21.11.2003, 19:11     #4
Hermann   Hermann ist offline
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European Touring Car Championship (ETCC).

BMW gewinnt mit dem 320i die Tourenwagen-Europameisterschaft.

München. Die FIA European Touring Car Championship (ETCC) war 2003 ein über 20 Läufe an zehn Rennwochenenden dauerndes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen BMW und Alfa Romeo. Am Ende ernteten beide einen Titel: BMW gewann die Markenmeisterschaft, die Fahrer-EM ging nach Italien.

Erst das Finale im italienischen Monza brachte die Entscheidung. BMW benötigte nur noch zwei Punkte zum Gewinn der Markenwertung und brachte im ersten der zwei Rennen den Titel unter Dach und Fach. Der Kampf um die Fahrerkrone blieb bis zur letzten Runde des zweiten Laufes offen, schließlich gewann Gabriele Tarquini (ITA) mit einem einzigen Punkt Vorsprung auf Jörg Müller, der für das BMW Team Deutschland fuhr.

Während die drei BMW Länderteams – BMW Team Deutschland, BMW Team Great Britain und BMW Team Italy-Spain – im Gesamtklassement kämpften, sicherte sich ein weiterer Fahrer mit dem BMW 320i die „Independents’ Trophy“ für nicht werksunterstützte Fahrer. Duncan Huisman (NLD) holte sich diesen Pokal mit dem Team Carly Motors bereits beim vorletzten ETCC-Wochenende im portugiesischen Estoril. Beim Finale in Monza sicherte sich Teamkollege und Landsmann Tom Coronel (NLD) Rang zwei dieser Wertung.

BMW Motorsport Direktor Mario Theissen begleitete die BMW Mannschaften zum Finale in Monza und resümierte: „Die Saison war Spannung pur bis zur letzten Rennrunde. Die BMW Teams haben in überzeugender Manier die Markenmeisterschaft errungen. Wir haben gesehen, dass die ETCC hervorragenden Sport bieten kann. Unter dem aktuellen Reglement waren BMW und Alfa Romeo gleich stark.“ Und er wies auch auf Verbesserungs_potenzial hin: „Kritisch sehen wir die sportliche Seite. In mehreren Rennen, auch im Finale, wurde mit übertriebenem Einsatz gefahren. Gelegentlicher Blechkontakt gehört im Tourenwagensport dazu. Aber Manöver mit dem Ziel, den Gegner zu eliminieren, haben im Sport nichts zu suchen. Bedenklich finden wir auch, dass diese Verstöße sehr unterschiedlich geahndet wurden. Wir erwarten eine einheitliche Auslegung der Regeln für alle Teilnehmer und über die gesamte Saison hinweg.“

Schon beim Auftakt im April in Barcelona (ESP) zeichnete sich ab, wie hart die Saison für alle Beteiligten werden würde. Der erste Sieg ging an den späteren Meister Tarquini, im zweiten Lauf konterte Dirk Müller, der zweite Pilot im BMW Team Deutschland. Und noch eine Erkenntnis trat an diesem Wochenende zu Tage: Die beiden Müllers hatten 2003 auch stärkere Konkurrenz aus den eigenen Reihen.

Das BMW Team Italy-Spain setzte auf eine Kombination aus Erfahrung und Jugend. Titelverteidiger Fabrizio Giovanardi (ITA), einer der erfolgreichsten Tourenwagenfahrer überhaupt, hatte von Alfa Romeo zu BMW gewechselt und in Antonio Garcia (ITA) einen der jüngsten Fahrer des Feldes zum Teamkollegen bekommen. Beiden gelang im ersten Rennen der Sprung auf das Podium. Im zweiten Lauf in Spanien fuhr Andy Priaulx (GBR) für das BMW Team Great Britain auf Rang drei – ETCC-Neuling, genau wie Garcia.

An den Ergebnissen war die gründliche Saisonvorbereitung von BMW Motorsport und den Teams abzulesen: BMW übernahm sofort die Führung in der Markenwertung. Im Fahrerklassement lag Tarquini nach dem Saisonauftakt vorn, doch beim nächsten Lauf in Magny-Cours (FRA) drehte Jörg Müller den Spieß mit zwei Siegen um. Zum dritten Einsatz in Enna Pergusa auf Sizilien reiste er mit 13 Punkten Vorsprung.

Beeindruckende Debütsaison von Andy Priaulx.

Priaulx zählte zweifelsohne zu den Entdeckungen des Jahres. Er kam aus der Britischen Tourenwagen-Meisterschaft, fand sich im Handumdrehen in der BMW Mannschaft um Teamchef Bart Mampaey zurecht und war auf Anhieb schnell. In Brünn (CZE), beim vierten ETCC-Wochenende der Saison, erzielte er seinen ersten Sieg. Zwei weitere folgten.

Auf dem anspruchsvollen Traditionskurs Spa-Francorchamps (BEL) zu gewinnen, ist für jeden Fahrer etwas Besonderes. Dort fanden die ETCC-Läufe elf und zwölf statt, und Priaulx erfreute sein in Belgien ansässiges Team mit der Poleposition. Der Start zum ersten Rennen misslang jedoch – die Handbremse seines BMW 320 war nicht vollständig gelöst, die Konkurrenz rauschte an ihm vorbei zur legendären Kurve Eau Rouge. Doch der damals noch 28-Jährige ließ sich nicht ins Bockshorn jagen, holte auf und kam als Sechster ins Ziel. Beim Start zum zweiten Lauf ging alles glatt. Priaulx schoss in Führung und fuhr seinen zweiten Saisonsieg ein.

Gute Teamarbeit.

Dirk Müller musste nach Rückschlägen im letzten Saisondrittel zwar seine eigenen Titelambitionen begraben, leistete aber seinem Teamkollegen und Namensvettern Jörg Müller beim Finale wertvolle Schützenhilfe. BMW war ohne große Erwartungen nach Monza gereist. Die Strecke galt als das bessere Terrain für Alfa Romeo, die ersten Startreihen würden wohl in Rot getaucht werden. Doch die Realität sah anders aus: Jörg und Dirk Müller

waren in jeder Trainingssitzung die Schnellsten. Es waren denn auch weniger die Trainingsunfälle im Alfa Romeo-Lager, die beide Müllers in die erste Startreihe brachten, sondern vielmehr deren ausgezeichnete Windschatten_fahrten im Königlichen Park von Monza. Dirk gab sein Bestes, um Jörg im Titelkampf zu unterstützen und verhalf ihm zur Poleposition.

Im Rennen konnte er jedoch nichts mehr für ihn tun: Nach wenigen Runden wurde er von Alfa Romeo-Fahrer Roberto Colciago (ITA) von der Strecke gerempelt. Der gewann zwar das Rennen, wurde aber nachträglich disqualifiziert. Dirk Müller überstand den heftigsten Unfall seiner Karriere glücklicherweise ohne schlimmere Folgen als einem schmerzenden Rücken.

Jörg Müllers Höhen und Tiefen.

Wenn das Wörtchen wenn nicht wär. Wenn Jörg Müller im ersten Monza-Rennen keinen schleichenden Plattfuß gehabt hätte, wäre er wohl Meister geworden. Wenn er in Donington nicht diesen Trainingsunfall gehabt hätte, wäre er wohl Meister geworden. Er ist fraglos einer der „echten Typen“, nach denen in der Szene so häufig verlangt wird, und er hat ebenso fraglos den notwendigen Biss, Enttäuschungen zu überwinden. Dies bewies er selten eindrucksvoller als am fünften ETCC-Wochenende 2003 in Donington. Das freie Training war kaum zur Hälfte vorbei, da hatte er seinen BMW 320i nahezu in einen Totalschaden verwandelt. Eine weniger eiserne Crew als die Mannschaft von Schnitzer Motorsport vom BMW Team Deutschland hätte die Reste wohl in den Transporter geladen und den Fahrer nach Hause geschickt. Doch die Truppe um Charly Lamm verbrachte die Nacht in der Werkstatt eines nahen BMW Händlers und kehrte pünktlich zum Warm-up am Sonntagmorgen mit einem einsatzfähigen Auto zurück. Jörg Müller gab dem Team zurück, was er konnte. Er fuhr, als ginge es um sein Leben. Vom Ende des Feldes fuhr er im ersten Lauf auf Platz fünf, das zweite gewann er.

Gaststarter Alex Zanardi.

Es gab wohl niemanden, der sich in Monza nicht mit Alessandro Zanardi freute. Der Italiener trat zwei Jahre nach seinem fürchterlichen Unfall in der amerikanischen CART-Serie auf dem EuroSpeedway Lausitz, bei dem er beide Beine verlor, wieder zu einem Rennen an. Ravaglia Motorsport, das die BMW 320i des BMW Italy-Spain einsetzte, ermöglichte dem ehemaligen Formel-1-Piloten dieses Comeback. Geboren wurde die Idee, als Zanardi seinen BMW 540i zu einem seinen Behinderungen gerechten Umbau in die Werkstatt brachte und sein früherer Renningenieur, Roberto Trevisan, darüber scherzte, dies doch auch einmal mit einem Rennauto zu versuchen. Aus dem Spaß wurde Ernst, beim ETCC-Finale war Zanardi am Start. Leider wurde er im ersten Lauf schon in der ersten Kurve in einen Unfall verwickelt. Doch zum zweiten Durchgang konnte sein modifizierter BMW 320i repariert werden, und Zanardi fuhr prompt in die Punkte – und in die Herzen der Fans.

Seriennahe Tourenwagen – die Technik des BMW 320i.

Die ETCC-Fahrzeuge sind seriennahe Tourenwagen, homologiert in der sogenannten Gruppe N. Das 2003 gültige Reglement schreibt unter anderem mindestens vier Türen und Saugmotoren mit maximal zwei Liter Hubraum vor. Vom Basisfahrzeug müssen mindestens 2 500 Exemplare produziert worden sein. Der BMW Motor ist ein Reihen-Sechszylinder mit serienmäßigem Aluminiumblock und -Zylinderkopf. Im Renntrim leistet das Triebwerk rund 260 PS, die maximale Drehzahl beträgt 9 000 U/min.

Allradantrieb ist in der ETCC nicht erlaubt. Eine sequenzielle Schaltung darf verwendet werden, der Einsatz zieht allerdings ein Zusatzgewicht von 30 Kilogramm nach sich. BMW verzichtete auf eine sequenzielle Schaltung. Das Reglement sieht für Fahrzeuge mit Heckantrieb wie den BMW 320i ein Mindestgewicht von 1170 Kilogramm vor. An der Vorderachse angetriebene Tourenwagen wie die Alfa Romeo müssen nur 1140 Kilogramm auf die Waage bringen.

Sportliche Regeln und Zusatzgewichte.

Die FIA ETCC wurde im Rahmen der LG Super Racing Weekends gemeinsam mit der FIA GT-Meisterschaft ausgetragen. Der Rennkalender 2003 umfasste zehn Wochenenden in neun Ländern, an denen jeweils zwei Läufe mit einer Mindestdistanz von 50 Kilometern ausgetragen wurden. Zwischen den beiden Rennen standen den Teams 15 Minuten für Servicearbeiten zur Verfügung.

Seit 2003 gilt analog zur Formel 1 für die ersten Acht eines Rennens der Punkteschlüssel 10 – 8 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1. Die Punkte der zwei bestplatzierten Fahrzeuge einer Marke zählen für die Herstellerwertung.

Die Startaufstellung für Rennen eins wurde in einem einzigen Qualifying ermittelt. Zum zweiten Rennen starteten die ersten Acht des ersten Durchgangs in umgekehrter Reihenfolge, ab Platz neun galt die Reihenfolge der ersten Zielankunft.

Seit Saisonmitte 2002 gibt es in der ETCC Zusatzgewichte für jene drei Fahrer, die an einem Wochenende die meisten Punkte gesammelt haben. Der Ballast für das kommende Rennwochenende betrug 30, 20 bzw. 10 Kilogramm. Gleichermaßen zuladen mussten die ersten Drei im Zwischenstand der Fahrerwertung. Allerdings schrieb das Regelwerk auch fest, dass sich diese beiden Paragraphen nicht zu mehr als insgesamt 40 Kilogramm addieren durften.

FIA ETCC – Herstellerwertung 2003. - FIA ETCC – Fahrerwertung 2003.
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Viele Grüße Hermann

"Nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft"Heinrich von Kleist

Geändert von Hermann (21.11.2003 um 19:34 Uhr)
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