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Alt 27.11.2002, 08:26     #1
Chaplin   Chaplin ist offline
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Die Angst vor dem Karriereknick Ralf Schumacher

ZUR INFO!!

Die Angst vor dem Karriereknick

Ralf Schumacher steht vor einer weiteren Saison der
Bewährung in der Formel 1

STUTTGART. Heute nehmen die Formel-1-Teams wieder den
Testbetrieb auf. Auch für Ralf Schumacher sind die Ferien
vorbei: er muss in dieser Woche mit seinem Arbeitgeber
Williams-BMW in Valencia ran. Und er steht unter Druck wie
noch nie in seiner Laufbahn.

Von Dominik Ignée

Mitunter kann britischer Humor ziemlich gnadenlos sein. Es ist
in den Pressezentren des Formel-1-Zirkusses nämlich
durchgesickert, dass die Kolonie englischer Journalisten Ralf
Schumachers erste Fahrt im Qualifikationstraining stets mit
den Worten kommentiert: "Sieh an - die Schwester kommt."

Ralf Schumacher hat ein großes Problem: Der kleine Bruder
des Meisters Michael Schumacher zu sein, das ist schwer
genug - "der Junge wird immer gefragt, warum nicht er
gewonnen hat, sondern Michael", sagt der Manager der
beiden Brüder, Willi Weber. Und wenn die Leistung nicht
stimmt, dann kennt die Häme keine Grenzen. Dabei wälzen die
englischen Journalisten die zuletzt zahlreichen Misserfolge
des britisch-deutschen Rennstalls Williams-BMW viel lieber
auf den deutschen Piloten Ralf Schumacher ab, als dass sie
die Schuld bei Frank Williams und dessen Leuten suchen.

In dieser Woche tritt Ralf Schumacher wieder an - die schöne
Ferienzeit ist vorbei. Williams testet von heute an fünf Tage in
Valencia, und auch alle anderen Formel-1-Teams schieben
ihre meist nur halb erneuerten Fahrzeuge wieder aus den
Garagen. Bei Williams sind von Anfang an Juan Pablo
Montoya und die Testpiloten dabei; Ralf Schumacher soll
etwas später dazukommen. Klar ist: der Druck auf ihn wird in
der nächsten Saison so groß sein wie noch nie.

"Er möchte im Williams-BMW endlich zeigen, dass er sein
Talent umsetzen kann", sagt Willi Weber. Der Manager glaubt
tapfer an den Durchbruch des Jüngeren. "Wenn Ralf bei
Williams das richtige Auto kriegt, dann kann er die Lücke zu
Michael schließen. Denn vom Talent her", lässt Weber
Gerechtigkeit walten, "da sind sie beide gleich."

Dennoch gab es in diesem Jahr mächtig Krach um die Person
Ralf Schumacher. Der Rennfahrer sei nicht engagiert genug
bei der Sache, lautete der Vorwurf aus den Reihen der
Williams-Chefs. Außerdem hat er zum ersten Mal seinen
Nimbus als Nummer eins bei dem englischen Rennstall
verspielt: 1999 setzte er sich gegen Alex Zanardi durch, dann
gegen Jenson Button, und auch 2001 hielt Schumacher den
Kollegen Montoya gepflegt auf Distanz. Doch in diesem Jahr
hat ihn der kolumbianische Heißsporn so richtig eingeseift,
auch wenn sich der Unterlegene nach Kräften wehrt: "Das
Qualifying hat Juan Pablo immer ganz gut hingekriegt, doch im
Rennen hat er seine Probleme."

Das wirkliche Problem aber hat der Deutsche - nicht der
Stallgefährte und Gegner Montoya. In seinem zweiten
Formel-1-Jahr stand der Südamerikaner sieben Mal auf dem
ersten Startplatz, Ralf Schumacher nie. Außerdem holte der
Kerpener acht Zähler weniger, wurde Vierter der Saison
2002 - Montoya Dritter. Ralf Schumacher verdient aber viel
mehr Geld als Montoya, was seinen Stand bei Williams-BMW
nicht unbedingt erleichtert. Schumacher soll 13 Millionen Euro
im Jahr kassieren, Montoya etwa neun Millionen.

Ralf Schumacher muss sich 2003 durchsetzen, sonst wird
für ihn die Luft in der Königsklasse des Motorsports allmählich
dünn. Sein Vertrag bei Williams endet 2004, doch wenn er in
den nächsten beiden Jahren nicht um den Titel mitfährt, dürfte
es schwer werden, überhaupt wieder einen Arbeitgeber zu
finden, der um die Formel-1-Krone mitfahren kann. Die jungen
Wilden lassen ja schon aufhorchen, sie warten nur darauf,
dass der vermeintliche Riese Ralf Schumacher irgendwann
wankt.

Zum Beispiel der 17-jährige Nico Rosberg, Sohn des
Weltmeisters Keke Rosberg. Er gewann in diesem Jahr die
BMW-Formel-ADAC-Meisterschaft und verdiente sich
Bestnoten und Lob von allen Seiten. Und auch sonst sind
Frank Williams und seine Leute aktiv: Antonio Pizzona (22) hat
schon einen Vertrag als Testfahrer unterschrieben. Und auch
auf Nelsinho Piquet (17), den Filius des Exweltmeisters Nelson
Piquet und Sieger der brasilianischen Formel-3-Meisterschaft,
soll Williams-BMW ein Auge geworfen haben.

Ralf Schumachers Selbstbewusstsein scheint indes schon
geschrumpft zu sein. "Es liegt an mir, den Zweikampf
zwischen Montoya und meinem Bruder zu verhindern", sagt
er. Über die eigenen Ansprüche auf einen Titelgewinn
schweigt er sich aus. Und sogar der BMW-Sportdirektor
Gerhard Berger glaubt, dass es aus der aktuellen Fahrerriege
nur einen geben kann, der Michael Schumacher irgendwann
einmal beerbt: "Juan Pablo Montoya."


Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 26.11.02
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Gruß, Chaplin
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