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Alt 25.11.2002, 00:37     #4
Carsten   Carsten ist offline
BMW-Treff Team
 

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Die Fahrer: Ralf Schumacher

Reife Leistung
Im 70. Grand Prix war es soweit: Ralf Schumacher errang seinen ersten Formel-1-Sieg. Am 15. April in Imola hatte er beim Start beide McLaren ausbeschleunigt, war in Führung gegangen und hatte souverän gewonnen. Eine reife Leistung. Seine Freude war groß, aber unspektakulär. Er begrüßte den Sieg fast wie einen runden Geburtstag, wie einen Tag eben, den man erwartet hat.

"Ich war immer davon überzeugt, dass ich in der Formel 1 Rennen gewinnen kann, wenn ich im richtigen Moment das richtige Material habe", erklärte er seine Unaufgeregtheit. Bereits 1998, in seiner zweiten Formel-1-Saison, war er in Spa-Francorchamps dicht an einem Sieg dran gewesen, hatte aber zu Gunsten seines damaligen Teamkollegen Damon Hill zurückstecken müssen. 1999 hatte er im Eifelregen beim Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring bis zu einem Reifenplatzer geführt.

Es war für ihn nur eine Frage der Zeit gewesen, und 2001 war die Zeit reif. In seiner bisher erfolgreichsten Formel-1-Saison siegte er nach Imola auch noch in Montreal und in Hockenheim. In Magny-Cours erzielte er an seinem 26. Geburtstag die erste Poleposition in der Karriere der Partnerschaft des BMW WilliamsF1 Teams. Auch fünf Rundenrekorde gehören zu seiner Saisonbilanz.

"Aber in der zweiten Jahreshälfte", meint Ralf selbstkritisch, "habe ich nicht immer das Beste aus meinen Möglichkeiten gemacht." Das Eingeständnis ist gleichermaßen eine Kampfansage für 2002. "Das Team ist soweit, an der Spitze kämpfen zu können, also müssen wir das auch umsetzen."
Klare Worte, ein verschmitzter Charme und eine verblüffende Schlagfertigkeit zeichnen ihn im Gespräch aus. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt und vertritt seine Meinung. Harte Urteile und unverblümte Kritik machen ihn unbequem, aber für ein Team auch wertvoll. Seine Aussagen werden von den Technikern sehr geschätzt, Ralf Schumacher versteht sein Auto und kann es weiterentwickeln. Umso mehr trifft es ihn, wenn er sich einmal vergreift. "Indianapolis war so ein Fall", erinnert er sich. "Da habe ich mir im Qualifying die Seele aus dem Leib gefahren und bin im Rennen nicht vom Fleck gekommen, weil ich bei der Abstimmung daneben lag. Ich hasse es, wenn ich Fehler mache."

Wut und Enttäuschung teilt er nicht. Er flucht nicht in Mikrofone und Kameras, er zieht sich zurück. Sein Schweigen wird dann leicht als Arroganz missverstanden. Er sieht es als Selbstschutz. "Wenn ich emotional aufgewühlt bin, will ich nichts sagen. Es könnte ungerecht sein und mir schnell Leid tun."

Ralf weiß, was er kann und vertraut auch am liebsten sich selbst. Deshalb fliegt er sogar sein Flugzeug selber. Mit einer Kartbahn in Bispingen hat er sich beruflich ein weiteres Standbein geschaffen. Seine Autosammlung zeigt, dass er keinen Schritt auf seinem Weg nach oben vergessen hat: Er kauft seine ehemaligen Rennautos. Ein Formel Junior, ein Formel 3, ein Formel 3 000 und zwei Formel 1 gehören schon zu seiner Kollektion.

In Kerpen auf der Kartbahn.
Ralf Schumacher hat sein Handwerk vom Kinderkart auf gelernt. Als Sohn der Kerpener Kartbahn-Pächter Rolf und Elisabeth Schumacher war für ihn diese Art Rennstrecke schon als Kleinkind natürlicher Lebensraum. Als Dreijähriger saß er zum ersten Mal im Kart, mit sechs Jahren gewann er sein erstes Clubrennen.

Kurz nach seinem 17. Geburtstag fuhr er im BMW ADAC Formel Junior auf dem Nürnberger Norisring sein erstes Automobilrennen und wurde Zweiter. Seine erste komplette Saison in dieser Nachwuchs-Formel beendete er 1993 als Meisterschaftszweiter. Der Aufstieg in die Deutsche Formel-3-Meisterschaft im WTS Team seines Managers Willi Weber war logisch. Ralf wurde 1994, in seinem ersten Formel-3-Jahr, Dritter, im zweiten Zweiter.

Auszeit vom Schumi-Fieber in Japan.
Ende 1995 legte er selbst den Grundstein für eine Flucht vor dem europäischen und vor allem dem deutschen Rummel um Rennfahrer namens Schumacher. Ralf gewann das Formel-3-Weltfinale in Macau. Der Stadtkurs am südchinesischen Meer ist eine der schwierigsten Rennstrecken der Welt. Deshalb zählt ein Macau-Sieg auch in Japan ganz besonders viel. Ralf bekam die Chance, dort in der All Nippon Japanese F3000 zu fahren, dem fernöstlichen Pendant zur internationalen Formel-3000-Meisterschaft.

Der Karriereplan sah zwei Jahre Japan vor - eines zum Zurechtfinden auf den unbekannten Rennstrecken und in der fremdem Kultur, das andere zum Angriff auf den Titel. Ralf gewann das Championat bereits 1996. Im selben Jahr wurde er nach drei Siegen mit dem McLaren BMW Zweiter der japanischen GT-Meisterschaft. Nun konnte der nächste Schritt nur noch Formel 1 heißen.

Formel-1-Einstieg.
Während Ralf in Japan beschäftigt war, sorgte sein Manager Willi Weber dafür, dass 1997 der zweite Schumacher zum Starterfeld der Formel 1 gehörte.
Ralf beeindruckte auf Anhieb bei einem McLaren-Test und wurde von Jordan für seine erste Grand-Prix-Saison unter Vertrag genommen.
Eddie Jordan entdeckte bald, dass er mit Ralf und dem Italiener Giancarlo Fisichella, ebenfalls Newcomer, eine explosive Fahrerbesetzung hatte.

Als Ralf seinen ersten Formel-1-Grand-Prix bestritt, war er 22 Jahre alt und nach einem Jahr der relativen Ruhe in der Fremde schon ein ganzes Stück reifer. Äußerlich wurde er immer schlanker und kantiger, innerlich runder und selbstbewusster. Zur Saison 1999 wechselte Ralf Schumacher zu WilliamsF1. Längst war klar, dass BMW im Jahr 2000 dazukommen würde. Ralf sah seine Chance. Er dominierte die Teamkollegen der ersten beiden Jahre mit WilliamsF1, Alex Zanardi und Jenson Button, und schnitt auch 2001 gegen Newcomer Juan Pablo Montoya besser ab. Allerdings hat er in ihm einen ebenbürtigen Rivalen erkannt. "Es wird sich zeigen, wer Ende 2002 die Nase vorn hat. Ich werde mein Bestes geben, er vermutlich auch. Das wird das Team vorwärts bringen."

Privat von null auf hundert.
Verliebt, verlobt, verheiratet, in ein anderes Land gezogen und Vater geworden - privat hat Ralf Schumacher 2001 nichts ausgelassen. "Aber ganz so überraschend wie für die Öffentlichkeit waren diese Veränderungen für uns natürlich nicht", erklärt er. Es war für ihn über Jahre Maxime gewesen, nichts aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, nun trat er damit ins Rampenlicht. "Cora und ich wollten mehr Zeit miteinander verbringen. Das wäre ohne gemeinsames Reisen und damit auch ohne gemeinsames Auftreten nicht möglich gewesen." Am 19. April verlobten sich die beiden und siedelten im Sommer in eine Villa bei Salzburg in Österreich um. "Wir hatten uns in Monaco schon länger nicht mehr wohlgefühlt", erzählt Ralf. "Monte Carlo war für mich als Junggeselle prima, aber für eine Familie und Kinder wollten wir eine ländlichere Umgebung. Mehr Natur und weniger Beton."

Im kleinsten Kreis gaben sich Cora und Ralf in ihrem neuen Zuhause im Spätsommer das Ja-Wort. Im Oktober kam Söhnchen David zur Welt.
"Ein großes Glück und ein wunderbares Gefühl", schwärmte der junge Vater und genoss die ungewöhnlich lange Testpause nach dem Finale 2001. Für 2002 baut er auf feste Größen auf abgestecktem Terrain. Zuhause wie im Rennwagen.
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"Multiple exclamation marks, he went on, shaking his head, are a sure sign of a diseased mind."
Terry Pratchett
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