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Alt 20.01.2009, 11:02     #16
Martin   Martin ist offline
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Robert Kubica.

Lebenslauf Robert Kubica als PDF



Der Zocker und das Mehr.

Manchmal kann dieser junge Mann auch anstrengend sein. Vielleicht ist anstrengend das falsche Wort, wenn man Robert Kubica mit einem Wort beschreiben müsste. Vielleicht wäre fordernd besser. Das trifft es ganz gut. Fordernd - nicht nur gegenüber anderen, sondern vor allem gegenüber sich selbst. Der 24 Jahre alte Pole will immer das Maximum, und das am liebsten sofort, ohne Umwege. Geduld ist nicht seine Stärke. Und das kann eben manchmal ganz schön anstrengend sein. Denn bisweilen braucht man auch in der Formel 1 Geduld.

Aber wer den Lebensweg von Kubica verfolgt, der erkennt schnell, warum er genau so ist, wie er ist. Wer aus einem Land ohne Formel-1 -Tradition kommt und sich trotzdem dem Traum vom F1 -Fahren nicht ausreden lässt; wer mit 13 Jahren sein Elternhaus in Krakau verlässt, um im fremden Italien bei seinem Kart-Team in der Garage zu arbeiten und nachts darüber zu schlafen; wer nach einem fürchterlichen Verkehrsunfall schwer verletzt Angst haben muss, seinen rechten Arm zu verlieren und mit eisernem Willen noch im Krankenbett an seinem Comeback arbeitet, um nur wenige Wochen danach ein Rennen zu gewinnen - wer all dies in nur wenigen Jahren geschafft hat, der weiß: Ich kann noch viel mehr erreichen.


Italienische Gesten.

Gerade diese Episoden haben Kubica geprägt: Er ist kurz und knapp in der Ansprache, bescheiden und ohne Allüren im Auftreten, fokussiert und kompromisslos auf der Strecke. Die Schale ist rau, aber irgendwo ist ein weicher Kern versteckt. Den jedoch finden nur Wenige. In langen Gesprächen mit ihm lockert sich die Schale ein wenig. Aber Kubica bleibt immer auch irgendwie unnahbar, selbst wenn er im Motorhome lautstark auf italienisch parliert und in typischer Manier mit Händen und Füßen dazu gestikuliert.

Kein Wunder, dass er manchem Betrachter denn auch gelegentlich schroff und einsilbig erscheint. Dabei arbeitet er konzentriert auf eine Sache hin, will sich nicht vom Weg abbringen lassen, um sein Ziel zu erreichen. Und das lieber früher als später. „Er hat bei allem, was er tut, einen unbedingten Siegeswillen", sagt sein Manager Daniele Morelli. Den ganzen Rummel in der Formel 1 mag er nicht unbedingt. Er weiß, dass Verpflichtungen für Sponsoren, Partner und Medien genauso dazu gehören wie Foto-Sessions hier oder Autogramme schreiben dort. Aber am liebsten würde er von morgens bis abends im Auto sitzen und testen oder Rennen fahren. Das ist sein Leben. Da fühlt er sich wohl. „Er ist sehr fokussiert", sagt BMW Motorsport Direktor Mario Theissen. „Ich bin ganz normal", entgegnet Kubica.


Pokern und Bowling.

Wirklich? Wer seine wenigen freien Tage am liebsten alleine oder mit seiner Freundin bei einer Rallye oder auf der Kartbahn verbringt, der muss vom Motorsport-Virus infiziert sein. Wer auf die Frage, in welchem Auto er am liebsten bei seiner Hochzeit vorfahren würde, sagt, in einem Formel-1 -Zweisitzer, und wer auf eine einsame Insel am liebsten ein Auto, Reifen und Benzin mitnehmen würde, der muss ein besonderes Kaliber sein. Für ihn ist das alles ganz normal. Wie Pokern oder Bowling, zwei andere Leidenschaften.

Es war für ihn auch völlig normal, vor der Saison 2008 eine radikale Diät zu machen. Das Team hatte ihm gesagt, wenn er ein paar Kilo leichter wäre, könnte sich dies positiv auf die Balance des Autos auswirken. Gesagt, getan. Und so nahm der ohnehin schlanke Kubica bis zum Saisonstart sieben Kilo ab. Einmal mehr war er hart zu sich selbst. Für den Erfolg tut er alles.


Umzug nach Italien.

Der Hobby-Zocker kommt aus keiner Rennfahrerfamilie, aber sein Vater Artur mochte den Sport und kaufte seinem vierjährigen Sohn damals ein kleines Auto. „Das war Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk in einem. Es hatte einen Viertaktmotor, kaum Leistung, aberfuhr irgendwie 40 km/h. Ich habe den halben Tag darin verbracht und wollte nie aussteigen und nach Hause gehen", erinnert sich der Junior. Bis zu seinem ersten Rennen musste er sich gedulden. „Ich bin mit diesem Auto auf Parkplätzen gefahren, zweieinhalb Jahre später bekam ich ein Kart. Ich habe Stunde um Stunde trainiert und musste warten, bis ich zehn war, um die Rennlizenz zu bekommen." Ab dem 7. Dezember 1994 konnte ihn dann nichts mehr aufhalten. Nach drei Jahren Kartsport in Polen war er seiner Konkurrenz entwachsen. Wenn er weiterkommen wollte, musste er seine Heimat verlassen. Sein Vater fuhr mit ihm nach Italien. Vom Start weg lief alles glatt. Kubica: „Ich hatte Glück, weil wir mit einem der besten polnischen Mechaniker arbeiteten, und so war ich sogar in Italien beim ersten Rennen auf Pole und im Ziel Zweiter." Alsbald packte er dann seine Sachen, zog in das fremde Land und traf dort die Menschen, die für seine Karriere so wichtig wurden. Manager Morelli beispielsweise.


Titel und Triumphe.

Ab seinem 13. Lebensjahr lebte er in Italien, ohne seine Familie, ohne seine Freunde. Der italienische Kart-Hersteller CRG hatte sein Talent erkannt und ihm eine Chance gegeben. Das Alleinsein in einem Land, in dem er die Sprache erlernen und die Kultur verstehen musste, hätte manchen Teenager entmutigt. Nicht diesen. Er adoptierte Italien, und Italien adoptierte ihn.

Den sechs Titeln, die er im Kartsport in Polen gewonnen hatte, ließ er weitere Triumphe in Italien folgen. Als er 2001 bereit war für den Schritt in den Formelsport, hatte er schon die Unterstützung von Morelli. Mit ihm ging es rasch voran über die Formel Renault 2000, Formel 3 Euro Serie und dann in die World Series by Renault. Dort gewann er nicht nur den Titel, sondern auch einen Formel-1-Test.


Vom Testfahrer zum Rennfahrer.

Testfahrer jedoch wurde er nicht bei Renault, sondern im BMW Sauber F1 Team, das war im Dezember 2005. „Natürlich war dies ein Risiko, denn Robert ist bei uns nie in einem F1-Auto gefahren", gibtTheissen zu. Doch das Risiko hat sich gelohnt. Kubica stürzte sich 2006 in die neue Herausforderung, und das Team übergab seinem Rookie-Tester nur zu gern wichtige Aufgaben. Am Ende der Saison hatte er über 25.000 Testkilometer abgespult und den kanadischen Ex¬Weltmeister Jacques Villeneuve bei den letzten sechs Rennen abgelöst; ein Podestplatz in Monza in seinem erst dritten Rennen wurde das Highlight.

2007 verlief für Kubica nicht wie gewünscht. Hinzu kam der Moment, in dem die Formel 1 den Atem anhielt: Montreal, GP Kanada, 27. Runde: Kubica wurde in einen der spektakulärsten Unfälle der jüngeren F1-Geschichte verwickelt. Er hatte sich an Jarno Trullis Toyota den Frontflügel abgerissen, sein Auto stieg auf, krachte unkontrollierbar in eine Mauer, prallte ab, überschlug sich mehrfach, verteilte Einzelteile über die Strecke und schlug nochmals an eine Wand. Es schien unmöglich, dass ein Mensch diesem Wrack ohne schwere Verletzungen entkommen könnte. Doch Kubica hatte einen Schutzengel. Bis auf einen verstauchten Knöchel blieb er unverletzt.


Historischer Sieg.

Und ausgerechnet in Montreal schrieb Kubica ein Jahr später ein weiteres Kapitel Motorsport-Geschichte. Er sorgte am 8. Juni für den historischen ersten Sieg des BMW Sauber F1 Teams und stand als erster Pole überhaupt ganz oben auf dem Siegertreppchen. Nick Heidfeld machte als Zweiter den Doppelsieg perfekt. Doch Kubica wollte mehr. Schließlich führte er nach Kanada die WM-Wertung an. Und diese Führung wollte er nicht mehr abgeben, wollte in seiner erst zweiten kompletten Formel-1 -Saison den WM-Titel. Doch letztlich musste der coole Zocker aus Krakau einsehen: Sein Dienst¬fahrzeug war noch nicht so weit. Die Konkurrenten von McLaren und Ferrari waren noch zu stark. Noch. 2009 soll sich das ändern. Diese Forderung hat er. An sich und an sein Team.



Interview.

Fragen an Robert Kubica:

Inwiefern wird sich das Formel-1 -Fahren 2009 gegenüber 2008 verändern?

Die aerodynamische Abtrieb wird um 40 bis 50 Prozent reduziert. Deshalb wird der mechanische Einfluss bei einem Formel-1-Auto viel höher werden als der aerodynamische. Dennoch wird die Aerodynamik weiter eine große Rolle spielen. Ich erwarte recht große Unterschiede zwischen den Autos, vor allem zu Beginn der Saison. Die Rückkehr der Slicks ist eine der besten Änderungen in der Formel 1 seit Jahren. Ich vermute, dass alle Fahrer Slicks gegenüber Rillenreifen bevorzugen und sich freuen. Die Einführung der KERS-Technik ist auch eine große Veränderung. Im Moment ist es noch schwer zu sagen, wie sehr dies das Fahren beeinflussen wird.


Welche Attribute und Eigenschaften braucht ein guter Formel-1-Fahrer?

Als erstes Performance - du musst schnell sein. Hinzu kommt das Verständnis für die technische Seite des Sports und die Fähigkeit, den Ingenieuren gute Rückmeldungen zu geben. Außerdem sind die Erfahrung eines Piloten und seine Arbeitsweise mit dem Team wichtig. Aber wenn ich mich für ein Merkmal entscheiden müsste, wäre es definitiv Performance.


Abseits der Formel 1 spielen Sie gern Poker, Snooker und gehen zum Bowling. Wie passt das zur F1 ?

Es passt überhaupt nicht zur Formel 1, und das ist der Grund, warum ich diese Beschäftigungen mag. In meinem Beruf verbringe ich viel Zeit mit viel Aktion, Tempo und Lärm. Poker und Bowling sind ein ruhiger Kontrast und erfordern auch keine große Anstrengung. Vor allem beim Bowling kann ich meinen Kopf ausschalten und entspannen. In der Winterpause habe ich an ein paar Turnieren teilgenommen. Freunde von mir spielen in Europa auf sehr hohem Niveau. Ich genieße es sehr, mit ihnen zu spielen.


Bitte beschreiben Sie sich selbst in drei Worten.

Zielorientiert, bequem, distanziert.


Was war Ihr größter Erfolg bisher?

Der Gewinn der Italienischen Kart-Meisterschaft 1998.


Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Zu verlieren, gehört zum Leben. Man muss die positiven Aspekte von Siegen mitnehmen und genauso die positiven Seiten von Niederlagen. Rückschläge können einen viel stärker machen. Tatsächlich kann man vom Verlieren mehr profitieren als vom Gewinnen. Die Jahre, in denen ich am meisten gelernt habe, waren jene, in denen ich nicht in der Lage war, meine Ziele zu erreichen. In diesen Phasen bin ich deutlich stärker geworden. Natürlich genieße ich Zeiten, in denen alles glatt läuft. Aber das Leben verändert sich ständig, früher oder später muss man wieder mit Schwierigkeiten klarkommen. Es ist wichtig, diese Schwierigkeiten mit dem richtigen Zugang zu überwinden und davon zu lernen.


Was bedeutet Familie für Sie?

Familie ist mir sehr wichtig. Meine Familie hat mich in meiner ganzen Laufbahn stark unterstützt, aber auch abseits vom Rennen fahren. Sie ist einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Teil in meinem Leben.


Was bedeutet Heimat?

Viele Leute, die mich heute kennen lernen, tendieren dazu, mich als halben Italiener zu bezeichnen, weil ich viele Jahre meines Lebens in Italien verbracht habe. Dadurch verstehe ich die Mentalität und mag Italien sehr. Aber ich bin zu hundert Prozent Pole. Meine Heimatstadt ist Krakau, und dort fühle ich mich absolut zuhause, wann immer ich dort bin. Leider hatte ich in letzter Zeit nicht viel Gelegenheit, mich länger in Polen aufzuhalten. Das ließ mein Terminkalender nicht zu.

Wann ist Robert Kubica zufrieden?

Niemals.

Geändert von Martin (20.01.2009 um 12:53 Uhr)
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