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Alt 04.07.2002, 14:44     #1
Chaplin   Chaplin ist offline
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Machtspiele bei BMW-Williams

Beitrag der Stuttgarter Zeitung vom 04.07.02




Münchner Machtspiele: Sticheleien gegen
Williams

Weil der Motorenbauer BMW seinen Partner unter
Druck setzen will, wird nicht mal der Eigenbau eines
Formel-1-Autos ausgeschlossen

Zwischen BMW und Williams knistert es. Der Motorenbauer
aus München setzt den Formel-1-Rennstall vor dem Grand
Prix am Sonntag in Silverstone unter Druck. "Wir diskutieren
alle Optionen", sagt der Sportchef Mario Theissen, "und eine
Option ist, Williams zu übernehmen."

Von Jürgen Zeyer

Noch Fragen? Im kleinen Kreis hat Ralf Schumacher über sein
Leben geplaudert, seine Hochzeitspläne, über Fußball, den
Nürburgring, das Wetter und dies und das - und der
Rennfahrer will am Ende des Fragestündchens im
BMW-Motorhome schon aufstehen, als er doch noch mit
einem Anliegen konfrontiert wird. Auffallend sei, so der
Fragesteller, dass in dieser Formel-1-Saison gar nicht mehr
über den Kampf um den WM-Titel gesprochen werde. "Na,
das erkläre sich wohl von selbst", antwortet Schumacher
schnippisch, die Sache sei schließlich entschieden. "Wir
machen uns nur Gedanken darüber, wie wir die Rennen zu
Ende fahren können."

Da lässt sich der Ärger heraushören über eine eher
durchwachsene Saison - und eine Aufforderung an den
Arbeitgeber Williams-BMW, den Dienstwagen möglichst
schnell zu optimieren, "damit wir in der nächsten Saison in der
Lage sind, um den Titel zu kämpfen", sagt Schumacher.

Wahr ist aber, dass Williams-BMW zu Beginn dieser Saison
eine Sekunde langsamer war als Ferrari. "Und wir inzwischen
nur eine halbe Sekunde weggeraspelt haben", sagt der
BMW-Sportchef Mario Theissen. Eine halbe Sekunde
Rückstand - in der Formel 1 sind das Welten. Besonders bitter
ist die Momentaufnahme, weil das Paket aus Chassis, Reifen
und Motor im Rennen Probleme offenbart. Im Training fuhr die
britisch-bayrische Allianz zuletzt dreimal auf die Pole-Position,
bei den Grand Prix in Monaco, Kanada und auf dem
Nürburgring wurden aber nur sieben Pünktchen ins Ziel
gerettet.

Eine dürftige Bilanz. So verwundert es nicht, dass vor dem
Rennen am Sonntag in Silverstone das Gegrummel im Team
lauter wird. Zum Jahresende, so kündigt Theissen offen an,
werde der BMW-Vorstand alle sich bietenden Optionen
diskutieren. Und der Motorsportchef fügt die
Zielformulierungen ausdrücklich hinzu: Man könnte sich zum
Beispiel vorstellen, den Rennstall Williams zu übernehmen
oder in eigener Regie ein komplettes Rennauto zu bauen -
oder womöglich ganz auszusteigen. "Wobei ich betone, dass
der Vorstand geschlossen hinter dem Formel-1-Engagement
von BMW steht." Noch sind es Gedankenspiele - doch
dahinter stecken natürlich reale Interessen.

Bis 2004 läuft der Vertrag mit Williams, wobei beide Seiten
schon Ende 2002 Klarheit darüber wollen, wie"s weitergehen
wird. Und nun ist die Zeit reif, das Pokerspiel um Macht und
Einflussmöglichkeiten zu eröffnen. Zumal man in München, wo
der stärkste Motor des Formel-1-Feldes entwickelt wird, mit
dem von Williams hergestellten Chassis keineswegs zufrieden
ist. Die Option des Ausstiegs kann ausgeschlossen werden.
BMW will schließlich nicht auf halbem Weg stoppen. Was
hätte dann die Investition von geschätzten 150 Milliarden Euro *(anmerk. )
im Jahr für einen Sinn gehabt? Auch die Drohung in Richtung
England, eine eigenes Auto bauen zu wollen, scheint
momentan keinen realen Hintergrund zu haben. Wenngleich
die Vorstellung faszinieren kann. Doch das Risiko wäre zu
groß - wenn es schief geht, dann ist das Image ramponiert.

Also dürfte die Ehe mit Williams weiter geführt werden. Aber
mit neuen Machtverhältnissen bitte schön. Die Nadelstiche
nach England deuten an, dass BMW mehr Einfluss haben
möchte - zum Beispiel bei der Fahrerwahl, bei strategischen
Entscheidungen, vielleicht auch bei technischen
Entwicklungen - wo es in München doch auch
qualifizierte Fahrwerksingenieure gibt.

Mario Theissen formuliert die Aufgabenstellung im Stile eines
Diplomaten. "Wie schaffen wir es, in dieser Struktur Abläufe
zu optimieren?" fragt der BMW-Sportchef. Und fügt hinzu,
dass man schließlich die Erfahrung eines Frank Williams und
eines Patrick Head nicht einkaufen könne. Die Chefs von
Williams stünden "für den Siegeswillen und den
Rennsport-Spirit". Doch irgendwie scheint in diesen
wohlfeilen Worten mitzuschwingen, dass man bei BMW gerne
die bisherigen Machtverhältnisse zu eigenen Gunsten
verschieben möchte. Mit einer Neustrukturierung könnte auch
frühzeitig die Nachfolgeregelung für den 60-jährigen Williams
und seinen vier Jahre jüngerer Kompagnon Head geklärt
werden.

Für den Piloten Ralf Schumacher wird sich durch die
Muskelspiele seiner Arbeitgeber kurzfristig aber nichts
ändern. Heute treffen die Fahrer in Silverstone ein. Und
Schumacher wird wieder im weiß-blauen BMW-Motorhome
Audienz halten. Man wird plaudern über Gott, die Welt - aber
wohl kaum über den WM-Titel. Denn das Thema mag einer,
der gezwungen ist, zu oft hinterherzufahren, nicht
besonders. Aber das soll sich ja ändern - nächstes Jahr.

Aktualisiert: 04.07.2002, 06:35 Uhr


* Ich denke mal es werden wohl 150 Millionen € sein!
__________________
Gruß, Chaplin
always look on the bright side of life
Fat Lady

Geändert von Chaplin (04.07.2002 um 14:48 Uhr)
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