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Alt 24.01.2007, 18:48     #14
Hermann   Hermann ist offline
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Nick Heidfeld.

Der Teufel trägt Prada.


Lebenslauf und Statistik. (PDF)

Wenn Nick Heidfeld es richtig krachen lässt, reiben sich die Leute die Augen. Rund 20 Sekunden lang ist die im Internet abrufbare Sequenz, Ausschnitt aus einer Fernseübertragung, die ihn beim Abhotten zeigt. Der Tanzteufel hat sich nicht um die laufende Kamera geschert. Er tanzt sein Ding. Er lebt sein Ding. Konventionen sind seine Sache nicht. Er steht auf schräge Outfits. Er trägt sie bloß nicht im Fahrerlager. Dort ist das einzige verräterische Accessoir, das nicht zur schlichten weiß-blauen Teamuniform gehört, meist eine riesige Prada-Sonnenbrille. Die muss runter, wenn Fernsehinterviews gegeben werden, und das ist okay für den Mönchengladbacher.

Er ist kein Selbstdarsteller. Ja, er lebt mit seiner langjährigen Freundin Patricia in wilder Ehe. Ja, das gemeinsame Töchterchen Juni hat einen ungewöhnlichen Namen. Ja, er genießt die Formel-1-Reisen und nutzt sie zum Einkauf von eigenwilliger Kunst und stöbert die besten Restaurants auf. Ja, er isst auch am Abend vor einem Rennen Gänseleber, weil er ihr nicht widerstehen mag und macht Sonntag nach getaner Arbeit mit seinem Chef und Kollegen auf einer Party richtig einen drauf. Das ist alles seins. Für das BMW Sauber F1 Team aber ist er Vollprofi. Er ist topfit, er ist verlässlich. Er setzt seinen Willen durch. Er übt unbequeme Kritik, bis er zufrieden ist. Er brütet bis in die Puppen mit den Ingenieuren, er lässt nichts unversucht.


Von der Pike auf gelernt.

Am 10. Mai 2007 wird der Rennfahrer mit der Jockey-Figur 30 Jahre alt. Er war noch nicht einmal fünf, als er mit seinen Brüdern Sven und Tim um die Wette Motocross fuhr. Die Eltern, Angelika und Wolfgang, lebten mit ihren Söhnen ein schnelles und spaßiges Leben. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit“, sagt „Quick-Nick“, der auch heute noch gern seine Eltern und Geschwister mit zur Rennstrecke nimmt. Auch die Großmutter ist schon mal dabei. Nick ist der Kleinste in der Familie Heidfeld – 1,65 Meter. „Wenn ich mich selbst gebaut hätte, hätte ich mich ein bisschen größer gemacht“, gibt er zu, „aber im Rennsport war es immer von Vorteil, klein zu sein.“ Fast immer. Es war eine Durststrecke, bis er die vorgeschriebene Zentimeterzahl erreicht hatte, um Leihkarts fahren zu dürfen. „An den Bahnen gab es Stangen: Wer darunter durchlaufen konnte, durfte nicht fahren.“ Als es endlich so weit war, hängte er auf der Kartbahn des Nürburgrings gleich seinen Vater ab. Als Achtjähriger bekam er sein erstes eigenes Kart. Clubmeisterschaften in Kerpen-Manheim, Rennen auf nationaler Ebene, Teilnahmen an EM- und WM-Läufen folgten.

Heidfelds Einstieg in den Formelsport war schnell von Erfolg gekrönt. Als 17-Jähriger gewann er die Deutsche Formel Ford 1600-Meisterschaft mit acht Siegen in neun Rennen. Ein Jahr später holte er den Titel in der Formel Ford 1800. 1996 war er als 19-Jähriger der Jüngste im Feld der Deutschen Formel 3. Es wurde ein starker Einstieg: drei Siege und Rang drei im Gesamtklassement. Außerdem holte er sich die Poleposition und einen Laufsieg beim Formel-3-Weltfinale auf dem abenteuerlichen Stadtkurs von Macau sowie Platz drei beim europäischen Kräftemessen der Formel 3 in Zandvoort.

Druck gehört dazu.

1997 machte Heidfeld die erste Bekanntschaft mit dem Druck der Öffentlichkeit. Die erste Formel-1-Testfahrt mit Mercedes weckte Medieninteresse, er wurde schon vor Saisonbeginn als kommender Formel-3-Meister gehandelt. Heidfeld wurde unbeirrt und mit fünf Siegen Meister. Mit seinem Sieg beim Formel-3-Grand-Prix in Monaco setzte er noch einen drauf. 1998 und 1999 verfolgte er seinen Weg in der Internationalen Formel 3000 weiter. Drei Siege und Zweiter der Meisterschaft im ersten Jahr, im zweiten Jahr dominierte er und erreichte mit vier Siegen den Titel. Parallel testete er Formel 1.

Als im vergangenen Jahr, 2006, in Kubica und Vettel zwei Youngster im BMW Sauber F1 Team auftauchten und Heidfeld gebetsmühlenartig gefragt wurde, ob er sich jetzt unter Druck fühle, antwortete er erstaunt: „Wieso jetzt erst? Druck war immer da. Ich musste schließlich auch gegen Teamkollegen wie Kimi Räikkönen bestehen – und habe sie geschlagen.“

Das war 2001. In seinem ersten Jahr bei Sauber. Seine Debütsaison 2000 war indes enttäuschend verlaufen. Er hatte einen Platz im ebenso neuen wie chancenlosen Team von Alain Prost gefunden. Die Mannschaft holte keinen einzigen WM-Punkt, die Ausfälle waren zahlreich.

Für Sauber erzielte er 2001 in Brasilien seinen ersten Podiumsplatz. Drei Jahre fuhr er für den damals rein schweizerischen Rennstall. „Eine schöne Zeit“, sagt Heidfeld, „ich habe mich sehr wohl gefühlt.“ In dieser Zeit tauschte er seine monegassische Wohnung gegen ein Haus in Stäfa in der Schweiz. „Erbaut Mitte des 19. Jahrhunderts und restauriert mit traditioneller Handwerkskunst“, erzählt er. Sich deswegen ein Hirschgeweih über dem Kamin vorzustellen, wäre falsch. Gemälde von Patricia, andere Kunstobjekte und modernes Interieur bilden Konstraste. Ein Fitnessstudio gibt es auch. Für Outdoor-Sportarten ist die Gegend ohnehin ideal. Ob Rad fahren oder Wassersport auf dem Zürichsee, Tennis oder Golf. Heidfeld liebt die Abwechslung, er hat sich keiner Einzelsportart verschrieben. Und wenn sich in Herbst und Winter der Nebel über den See senkt, dann ist er froh, dass er in nur 15 Fahrminuten die Lichter der Großstadt Zürich um sich haben kann.

Immerhin konnte er seit 2005 Winter verbringen, vor deren Beginn er bereits wusste, wie es beruflich im Folgejahr weitergeht. Das war nicht immer so. Als Ende 2003 sein Vertrag bei Sauber nicht verlängert wurde, fand er erst spät noch einen Platz bei Jordan. Einen Winter später musste er sich seinen Platz im BMW WilliamsF1 Team in einem monatelangen Wett-Testen mit Antonio Pizzonia verdienen. Teamchef Frank Williams teilte Heidfeld seinen für ihn positiven Entscheid erst anlässlich der Präsentation im Januar mit.

2005 profilierte sich Heidfeld durch starke Rennen, couragierte Überholmanöver, eine Poleposition, drei Podiumsplätze und analytische Arbeit mit den Ingenieuren. Ein Testunfall wegen einer gebrochenen Radaufhängung in Monza im August und ein folgender Fahrradunfall läuteten zwar das vorzeitige Saisonende für ihn ein, aber für Mario Theissen war er bereits Wunschpilot für das neue BMW Sauber F1 Team geworden. „An diesem Projekt hänge ich mit Herzblut“, sagt Heidfeld. „Wir haben 2006, in unserem ersten Jahr, von Rennen zu Rennen Fortschritte gemacht, obwohl parallel die Aufbauarbeit mit der Erweiterung des Teams lief. In dem Tempo müssen wir weiterarbeiten. Es gibt noch viel zu verbessern.“ Seine Ziele sind heute noch dieselben wie in der Formel Ford vor zehn Jahren: Er will Siege und den Titel. Nur die Sonnenbrille wird bald einem trendigeren Modell weichen.



Interview.

Fragen an Nick Heidfeld:

Was bedeuten Ihnen Ihre Fans?


Eine Menge! Ich glaube, unser Fanclub ist einer der besten. Die Stimmung ist gut. Ich stehe dabei nicht so extrem im Mittelpunkt, wie man sich das vielleicht vorstellt. Natürlich geht es um mich, aber es geht auch darum, gemeinsam Spaß zu haben. Die Atmosphäre ist locker. Wir gehen Kart fahren und feiern zusammen. An den Strecken treffe ich natürlich bei Rennen in Deutschland auf die meisten Fans. Das genieße ich sehr, das ist eine tolle Unterstützung. Insofern finde ich es schade, dass wir zukünftig nur noch einen Grand Prix in Deutschland haben werden. Aber man muss auch sehen: Es war grandios, dass wir so lange zwei hatten. Fans im Ausland sind immer ein interessanter Spiegel der Mentalität und Landeskultur. Asiaten zum Beispiel sind schüchtern, solang sie alleine sind. In der Gruppe, das gilt ab zwei oder drei Personen, überrennen sie einen. Dann bricht ruckzuck Chaos aus, das kann sehr lustig sein.

Ihre Freundin Patricia war 2006 weniger häufig bei den Rennen. Fehlt Ihnen diese Begleitung?

Auf jeden Fall. Ich habe meine Familie und speziell Patricia immer gerne um mich. Tagsüber hat man zwar keine Zeit, aber abends schon, und dann kommt man auch mal auf andere Gedanken, spricht über andere Themen. Das ist wichtig. Seit wir die kleine Juni haben, sie wird im Juli 2007 zwei Jahre alt, gehen deren Bedürfnisse aber vor. Man kann ein Baby nicht ständig um die Welt fliegen, und im Fahrerlager wäre sie sowieso fehl am Platze. Wenn Patricia und Juni mitkommen, dann ist meistens auch die Oma dabei, die mit Juni im Hotel bleiben kann.

Rufen Sie nach jedem Training zu Hause an und rapportieren?

Nein. Nur, wenn ich einen Unfall hatte, melde ich mich sofort, damit sich keiner Sorgen macht. Aber ich langweile Patricia nicht damit, welcher Heckflügel in welcher Kurve besser war. Wir telefonieren viel, aber dann sprechen wir über andere Dinge und über Juni. Super ist Video-Telefonie: So habe ich die ersten Schritte meiner Tochter live sehen können, obwohl ich nicht zu Hause war.

Die Formel 1 hat sich seit Ihrem Einstieg im Jahr 2000 verändert. Haben Sie sich mitverändert – der Fahrstil, der Zugang?

Technische Veränderungen oder Änderungen im Reglement haben Einfluss auf die Fahrweise. Mit den leistungsschwächeren V8-Motoren muss man beispielsweise etwas anders durch die Kurven fahren als früher mit den V10. Dass die Motoren länger halten müssen, führt dazu, dass man zeitweise mit reduzierter Drehzahl fährt. Grundsätzlich verfeinert sich der Fahrstil mit den Jahren. Im Kart galt ich noch als Materialmörder. Aber schon zu Formel- Ford-Zeiten war ich einer, der sehr schonend mit dem Material und den Reifen umgegangen ist. Das ist heute noch so. Meine generelle Einstellung zur Formel 1 ist sicher etwas cooler geworden. Die anfängliche Ehrfurcht ist Routine gewichen. Was sich auch im Laufe der Jahre verändert hat, ist, dass ich abends nicht mehr ganz so lange im Fahrerlager bleibe. Ich bin zwar immer noch einer der letzten Fahrer, der geht, aber früher habe ich oft bis Mitternacht über Daten gebrütet. Dann sieht man irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, und der Schlaf kommt zu kurz.

Was bedeutet Sicherheit für Sie?

Privat bedeutet Sicherheit für mich, eine gesunde Familie zu haben und auch ein gewisses Geld, das einen ruhig schlafen lässt. Absolute Sicherheit gibt es im Privaten ebensowenig wie im Rennsport. Die Autos und die Rennstrecken sind im Laufe der Jahre erheblich sicherer geworden, aber ein Risiko bleibt immer. Wenn sich Räder berühren oder die Sicht bei Regenrennen schlecht ist, dann wird es gefährlich. Jeder muss für sich entscheiden, ob er diese Risiken eingeht oder nicht. Für mich lautet die Antwort ganz klar: ja.
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Viele Grüße Hermann

"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."Albert Einstein

Geändert von Wolfhart (10.06.2007 um 10:32 Uhr)
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