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Alt 08.07.2006, 19:47     #3
Hermann   Hermann ist offline
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Drei Generationen BMW Motorrad ABS. Rückblick auf eine Pionierleistung.

Motorradexperten sprachen im Frühjahr 1988 von einer „technischen Revolution“ und „vom wichtigsten Fortschritt auf dem Gebiet der aktiven Sicherheit“: Als erster Motorradhersteller der Welt brachte BMW im Modell K 100 ein elektronisch-hydraulisches Anti-Blockier-System (ABS) auf den Markt. Es wog 11,1 kg und war auf Anhieb erfolgreich. Schon 1989 bestellten rund 70 Prozent der Käufer der damaligen K 100 ihr Motorrad mit ABS. Bis Ende 1995 wurden insgesamt rund 60 000 Motorräder mit dem ABS der ersten Generation ausgeliefert.

Im Systemaufbau unterschied sich dieses Motorrad-ABS deutlich von den gebräuchlichen PKW-Systemen. Diese verwenden getaktete Hydraulikventile zur Modulation des Bremsdrucks; ein Prinzip, das nicht ganz rückwirkungsfrei ist. Bei den damaligen Ventilsystemen traten während einer ABS-Regelung Druckpulsationen auf, die deutlich im Bremshebel spürbar waren. Für den Motorradeinsatz und die gewünschte breite Akzeptanz der neuen Technologie wurden derartige Rückwirkungen als unakzeptabel eingestuft; schon bei der Einführung von ABS beim PKW hatten die Bewegungen des Brems- pedals und die ungewohnten Geräusche während der Regelung anfangs die Kunden irritiert. Deshalb entwickelte BMW Motorrad zusammen mit der damaligen Firma FAG Kugelfischer ein so genanntes Plunger-System, das völlig rückwirkungsfrei arbeitete. Im Regelungsbereich steuert hier ein Regelkolben (Plunger) das Bremsflüssigkeitsvolumen und damit den Druck für die Bremse. Der Bremshebel (Hand- oder Fußbremshebel) wird während der Regelung über ein mechanisches Kugelventil hydraulisch entkoppelt, so dass keinerlei Druckpulsationen im Hebel spürbar sind. Die positive Kunden- resonanz bestätigte die damalige Entscheidung für diese technische Lösung.

Bereits 1993 kam die nächste Generation, das ABS II auf den Markt. Es wurde zeitgleich mit dem ersten Modell der damals ganz neuen Vierventil- Boxer-Generation, der R 1100 RS eingeführt. Dieses neue ABS war knapp um die Hälfte leichter (5,96 kg) und deutlich kompakter als das erste ABS. Der Aufbau der Elektronik in moderner Digitaltechnik steigerte noch einmal die Zuverlässigkeit. Der größte Fortschritt lag jedoch im Bereich der Regelung. Eine integrierte Wegmessung ermittelte den Stellweg des Regelkolbens im System während der ersten Regelzyklen. Damit wurde es möglich, bereits nach wenigen Regelzyklen den optimalen Bremsdruck einzustellen und – solange keine Reibwertsprünge auftraten – nur noch minimal nachregeln zu müssen. Das Resultat waren weiche Regelvorgänge entlang der Haftgrenze der Reifen mit bester Bremskraftausnutzung.

Die Ausstattungsquote bei den mit ABS lieferbaren Modellen stieg auf fast 90% in Deutschland und im Durchschnitt aller Märkte auf beachtliche 78%. Um das Jahr 2000 hatten sich weltweit insgesamt rund 200 000 BMW Käufer für ein Motorrad mit ABS entschieden.

Die dritte ABS-Generation, das Integral ABS, wurde zur INTERMOT 2000 vorgestellt und kam im Frühjahr 2001 auf den Markt. Wieder wurde mit der Einführung ein revolutionärer Schritt vollzogen; erstmals wurde bei einem Motorrad eine elektrische Bremskraftverstärkung verwirklicht. Bei minimalen Betätigungskräften werden damit höchste Bremsleistungen erzielbar. Auch unerfahrenen Motorradfahrern gelingen durch die Bremskraftunter- stützung ideal kurze Bremswege in Notsituationen. Weitere Besonderheiten waren die Integralbremsfunktion mit einer Koppelung der Bremskreise für Vorder- und Hinterrad. Der Systemaufbau mit internen Drucksensoren ermöglichte erstmals bei einem Motorrad eine beladungsabhängige, adaptive Verteilung der Bremskraft auf beide Räder. Trotz dieser erweiterten Funktionsumfänge wurde das System noch einmal leichter. Mit 4,35 kg wog es rund 20% weniger als das ABS II.

Das ABS setzte auch in der dritten Generation mit Integralausführung seinen Siegeszug in den BMW Motorrädern fort. Die Ausstattungsquote stieg bis zum Jahr 2005 weltweit auf über 80%, in einigen Modellen übertrifft sie sogar die 90%-Marke. Insgesamt wurde bis Ende 2005 über 280 000 BMW Motorräder mit dem Integral ABS ausgerüstet. Die Gesamtzahl aller mit ABS ausgelieferten BMW Motorräder überschritt bereits im September 2003 die Marke von 500 000 Einheiten.

Für das Einstiegsmodell F 650 GS wurde im Jahre 2000 ebenfalls ein ABS in die Serie eingeführt. Hierbei handelt es sich um ein Ventilsystem von BOSCH ohne Integralfunktion. Für leichtere Motorräder in diesem Hubraumsegment sind Kompaktheit, das sehr geringe Gewicht, sowie ein attraktiver Preis die maßgeblichen Kriterien. Ein auf dieser Basis weiterentwickeltes System wird ab 2006 in den neuen Mittelklassemodellen F 800 S/ST und im neuen Sportboxer R 1200 S eingesetzt. Es wiegt lediglich 1,5 kg.
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Viele Grüße Hermann

"Nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft"Heinrich von Kleist
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