Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 24.03.2006, 10:37     #3
Albert   Albert ist offline
Power User
  Benutzerbild von Albert

Threadersteller
 
Registriert seit: 06/2001
Ort: D-29227 Celle
Beiträge: 17.738

CE-
2. Eiskalte Bedingungen. Der neue BMW Erprobungsstützpunkt Arjeplog.

Im nördlichsten „Mekka“ der Automobilindustrie gehen die Uhren anders: geruhsame kurze Sommer – hektische eiskalte Winter. Arjeplog in Nordschweden, eine Kleinstadt inmitten von Wäldern und Seen, rund 56 Kilometer südlich des Polarkreises gelegen, erwacht im November zum Leben – und multipliziert seine Einwohnerzahl von 1800 auf mehrere Tausend, wenn Testcrews aus aller Welt mit Hunderten von Autos dort die zuverlässige Kälte des Polarkreises finden.

Zu den ersten Automobilherstellern, die in Arjeplog Wintertests durchführten, gehört die BMW Group. Seit mehr als 30 Jahren absolviert jeder neue BMW dort ein intensives Wintertestprogramm. Jetzt nimmt der deutsche Premiumhersteller in Arjeplog seinen ersten eigenen Erprobungsstützpunkt in Betrieb.

Temperierte Teststrecken im Land des ewigen Eises.

Im neuen BMW Erprobungsstützpunkt Arjeplog verfügen die Ingenieure über große und modern ausgestattete Büros, Werkstätten und Testeinrichtungen. Dazu gehören auch eine Tankstelle und eine Waschhalle sowie Landteststrecken mit Steigungshügel, Fahrdynamikflächen, einem so genannten Schachbrett-Kurs – abwechselnd Asphalt und Schneeflächen – und einer Rundstrecke. Teile der Landteststrecken können beheizt oder gekühlt werden, um die Reibwertunterschiede reproduzierbar darzustellen. Auf der Bremsbahn sind Vergleichsbremsungen auf Eis, Schnee oder Asphalt oder auf Kombinationen dieser Beläge möglich. Am Steigungshügel werden Traktionsregelsysteme wie DTC geprüft. Direkt neben diesem Gelände befinden sich die Teststrecken auf dem Kakel-See. Bisher waren die Land- und die Seeteststrecken räumlich getrennt, was zusätzlichen Zeitaufwand verursachte. Nun ziehen die Testfahrer ihre Runden auf dem Eis gleich nebenan.

Auch Wasserstoff-Fahrzeuge können getestet werden.

Darüber hinaus wurden in Arjeplog die Voraussetzungen für den Test von BMW Wasserstoff-Fahrzeugen geschaffen. Hierfür gibt es speziell eingerichtete Arbeitsplätze und eine mobile Wasserstoff-Betankungsanlage.

Um trotz der großen räumlichen Distanz einen zuverlässigen Datentransfer zu gewährleisten, ist eine sichere Netzwerkverbindung zum Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) der BMW Group in München vorhanden. Dort laufen alle Testdaten zusammen.

Erstellt wurde der neue BMW Group Erprobungsstützpunkt Arjeplog in knapp einem Jahr in landestypischer Bauweise. Aus Gründen der Energieeffizienz wurde auf hohe Gebäude verzichtet. Die Energieversorgung erfolgt durch LPG Flüssiggas. Zudem verfügt der Standort über eine autarke Wasserversorgung mit eigenen Brunnen- und Filteranlagen. Sämtliche Arbeiten wurden von schwedischen Firmen ausgeführt. Insgesamt hat BMW in den Erprobungsstützpunkt Arjeplog rund 16 Millionen Euro investiert. Der schwedische Staat unterstützte die Investition mit einem Zuschuss von 15 Prozent. Es wurde elf Dauerarbeitsplätze für Einheimische geschaffen. Zunächst wird der Erprobungsstützpunkt ausschließlich im Winter genutzt. Eine Ganzjahresnutzung wäre aber prinzipiell möglich.

Noch höhere Erprobungsqualität durch eigenes Testzentrum.

Wintertests gehören zum Pflichtprogramm eines jeden neuen BMW, MINI und Rolls-Royce. Wegen der anhaltend starken Modelloffensive fanden in den vergangenen Jahren Wintertests an verschiedenen Standorten statt. Dies führte für die Entwicklungsingenieure immer häufiger zu logistischen Problemen und brachte einige Standorte an ihre Kapazitätsgrenzen.

Mit der Zusammenführung sämtlicher Wintertestaktivitäten im neuen Erprobungsstützpunkt Arjeplog gehören diese Probleme der Vergangenheit an. Stattdessen werden Synergien in den Arbeitsabläufen erzielt. So entfällt der Transfer von Fahrzeugen und Testcrews zwischen verschiedenen Standorten. Dies steigert die Effizienz und führt – zusammen mit den technischen und geographischen Möglichkeiten des Stützpunktes – zu einer signifikant steigenden Erprobungsintensität und damit schließlich auch zu einer höheren Qualität der Fahrzeuge.

Ideale Bedingungen für integrierte Systeme.


Besonders viel versprechen sich die BMW Ingenieure von der integrierten Arbeit aller Fachdisziplinen in Arjeplog. Dieser Gedanke liegt bereits dem Forschungs- und Innovationszentrums (FIZ) in München zugrunde, unter dessen Dach sich ebenfalls sämtliche Fachbereiche konzentrieren. Konkret können in Arjeplog zeitgleich Antrieb, Fahrwerk und Hilfsaggregate in gemeinsamen Prozessen entwickelt, abgestimmt und – auch im Gesamtfahrzeug – erprobt werden. Hierfür sind auch die Büroräume flexibel gestaltbar, sodass sie von Teams unterschiedlicher Größe genutzt werden können. Dies ist bereits heute bei der Erprobung von Fahrwerkregelsystemen und auch bei der Abstimmung des intelligenten Allradantriebs BMW xDrive von großem Vorteil und wird im Zuge der Entwicklung des Systems Integrated Chassis Management (ICM) noch an Bedeutung zunehmen.

Testingenieure müssen die Kälte lieben.

In Arjeplog finden die Testingenieure ideale Bedingungen vor, und dies bei konstanten Durchschnittstemperaturen, die von Mitte November bis Ende April bei etwa minus 10 Grad Celsius liegen. In einzelnen Nächten erreicht das Thermometer Werte von minus 40 Grad Celsius, sogar der schwedische Kälterekord von minus 52,7 Grad Celsius wurde in Arjeplog gemessen. Entgegen landläufiger Meinung sind es aber nicht diese Extreme, die Lappland für Ingenieure so anziehend machen, sondern die gleichmäßige Kälte über mehrere Monate hinweg und die dadurch mögliche Reproduzierbarkeit von Testreihen.

Und natürlich das Eis! Die unzähligen Seen Nordschwedens werden im Winter zu idealen Versuchsbahnen, auf denen konstant niedrige Reibwerte erzeugt werden können. Die physikalischen Kräfte, die beim Lenken oder Bremsen auf Fahrzeuge wirken, können auf diesen Untergründen perfekt untersucht werden. Zudem wirken geringere Kräfte auf das Fahrzeug als bei vergleichbaren Fahrmanövern auf Asphalt oder Beton. Für die Ingenieure hat dies den Vorteil, dass die Systeme zunächst bei niedrigem Tempo optimiert werden können. Dies führt obendrein auch dazu, dass bei den Fahrtests Fahrer und Material erheblich weniger gefährdet sind.

Helikopter wirbeln den Schnee vom Eis.

Bevor die ersten BMW Ingenieure im November in Arjeplog ankommen, haben Mitarbeiter von Partnerfirmen das Testgelände bereits vorbereitet. Mit Hubschraubern wirbeln sie den Schnee von den Seen, damit diese richtig „durchfrieren“. Etwa einen Meter dick ist das Eis schließlich. Dann wird die Oberfläche mit Räumgeräten geglättet und – je nach Anforderung – in einem rauen Zustand belassen oder spiegelglatt poliert. Mit Schneefräsen und Schaufeln werden Schachbrettmuster ins Eis gefräst. Diese Arbeiten setzen viel Erfahrung voraus. Icemaker werden jene schwedischen Spezialisten genannt, die auf diese Weise die Strecken präparieren. Allein auf dem BMW Erprobungsstützpunkt kümmern sich fünf Eismacher um die Teststrecken.

Die Tätigkeit als Strecken-Präparator gehört zu den begehrten Jobs in Norrbotten, der am dünnsten besiedelten Provinz Schwedens. Gerade einmal 3 300 Menschen leben im Gebiet der Gemeinde Arjeplog, einer Fläche so groß wie Belgien, 1800 davon im Ort Arjeplog. Abgesehen von der Forstarbeit, der traditionellen – und inzwischen staatlich subventionierten – Rentierhaltung und einigen Stellen in der Verwaltung gibt es nur wenige attraktive Arbeitsplätze. Dennoch hat Arjeplog dank seiner Teststrecken eine Arbeitslosenquote von nur 4,6 Prozent.

Ein wirtschaftlicher Segen für Arjeplog.

Überhaupt sind die Autotester wirtschaftlich ein Segen für Arjeplog, denn nicht nur BMW kauft alle Serviceleistungen vor Ort. Diverse Firmen präparieren Teststrecken, kümmern sich um die Verpflegung der weit verstreut arbeitenden Testcrews oder warten die Fahrzeuge. Viele Ingenieure wohnen in Privatquartieren oder in Ferienhäusern. Im Ort gibt es ein Dutzend Hotels und Pensionen, sieben Restaurants und Cafés, Autovermietungen und Tankstellen. Vor allem die Tankstellen sind wichtig: Auf Grund der Testaktivitäten hat Arjeplog, gemessen an seiner Einwohnerzahl, den höchsten Benzinverbrauch pro Kopf in ganz Schweden.

Allein BMW ist in der Haupt-Testsaison zwischen Januar und März ständig mit rund 100 Mitarbeitern in Arjeplog vertreten, zu Spitzenzeiten können es auch 200 sein. Im Zwei-Wochen-Rhythmus wechseln sich die Ingenieure und Mechaniker ab, viele kommen mehrmals im Jahr. Nur der Stützpunktleiter bleibt sechs Monate vor Ort. Der Testbetrieb ist ein lohnendes Geschäft für die Gemeinde, für Dienstleister und Gewerbetreibende, denn statistisch lässt jeder Gast 150 Euro täglich zurück. Die Wintertests sind für Arjeplog der wichtigste Wirtschaftsfaktor geworden.

Tester-Alltag: Lange Einsätze und Sechstagewoche.

Mit einem breiten Freizeitangebot baut sich Arjeplog gerade ein zweites wirtschaftliches Standbein auf: den Tourismus. Und zumindest einen Teil dieser Angebote nutzen auch die Testcrews während der dunklen Winterabende. Vergleichsfahrten, Montagearbeiten und das Auswerten der Testergebnisse bestimmen ihren Arbeitsalltag, Skifahren, Schwimmen, Hallentennis oder Snowmobil-Safaris sind die Abwechslung zum Job. Manch einer zieht sich sonntags auch zum Eisfischen zurück.

Aber viel Freizeit gibt es nicht: Der BMW Group Erprobungsstützpunkt ist vom frühen Montagmorgen bis zum Samstagabend in Betrieb. Gleich nach dem Frühstück finden sich die Testingenieure zur Einsatzbesprechung ein und bereiten die Fahrzeuge vor. Ist die Messtechnik verstaut und gecheckt, wird der erste Erprobungskurs angesteuert. Noch im Fahrzeug werden dann die ersten Messergebnisse ausgewertet. Anschließend geht es zurück auf die Strecke, denn jeder Test wird mehrfach gefahren. Parametervariationen, eventuell verbunden mit einem Wechsel von Komponenten und Messtechnik, sind an der Tagesordnung, gefolgt von Besprechungen an den Fahrzeugen, Meetings im Büro und Telefonaten mit den Kollegen im Münchner FIZ oder den Komponentenlieferanten. Irgendwann dazwischen ist Zeit für ein Mittagessen – und vielleicht für einen Blick gen Himmel, an dem sich das Polarlicht abzeichnet.

Das Testen in Nordschweden ist ein Traumjob auf Zeit – die zwei Wochen Nordland-Einsatz sind schnell vorüber. Ein großer Vorteil des Arbeitens in Arjeplog ist das Festhalten am gewohnten Tagesrhythmus. Bei Wintertests in den Alpen muss dagegen oft nachts gearbeitet werden, weil nur dann über mehrere Stunden konstante Schneeverhältnisse herrschen, die für brauchbare Messergebnisse unerlässlich sind.

Erst am Feierabend, wenn die Testcrews verschiedener Hersteller und Zulieferer in den Restaurants und Kneipen zusammentreffen, kommt so etwas wie Ferienstimmung auf. Man freut sich übers Wiedersehen und lacht gemeinsam über den Neuen, dem seine Kollegen die Schwimmweste mit aufs Eis gegeben haben und der sie tatsächlich angezogen hat. Oder man diskutiert über Filmteams, die regelmäßig auftauchen, um in Arjeplog Reportagen über die Autotester zu drehen: Wer mag wohl demnächst auf welchem Sender zu sehen sein?
Mit Zitat antworten