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Alt 07.10.2005, 06:41     #1
Albert   Albert ist offline
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Leander Haußmanns neuer Kinofilm "NVA" / Mobiles Abnahmestudio im BMW X5

Rebellen, Spießer und unheldische Träumer. Leander Haußmanns neuer Kinofilm "NVA" / Komödie mit autobiografischen Zügen / Mobiles Abnahmestudio im BMW X5.

Berlin. Eine Suite im Berliner Hotel Kempinski am Kurfürstendamm. Mit ihrem abgegriffenen Westberliner Charme in Pastelltönen wäre sie die ideale Bühne für eine Ehekomödie, wie sie im Boulevard-Theater gegenüber gespielt werden. Es tritt auf: Leander Haußmann, Film- und Theaterregisseur. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein schwarzes T-Shirt und eine kleine Brille mit schwarzem Gestell. Unverzüglich gibt er dem Fotografen eine Regieanweisung: "Sie können mich nur von links fotografieren!" Haußmanns rechtes Auge ist blau und dick geschwollen. Mit einem maliziösen Lächeln kommentiert er die Gedanken-gänge seines Gegenübers. Haußmann nach Schlägerei mit einem Punkerpärchen im Krankenhaus. Haußmann, wie er sich als Intendant mit einem Regisseur in der Kantine im Schauspielhaus Bochum in Hand-greiflichkeiten verwickelte. Das sind verblichene Schlagzeilen aus den letzten Jahren.

Haußmann kommt jeder Nachfrage zuvor und inszeniert ein Stegreifspiel um sein blaues Auge. "Ich habe einen amerikanischen Kühlschrank", sagt er. Aber nein, dagegen gelaufen sei er nicht. "Ich habe einen vierzehnjährigen Sohn", sagt er, und dieser Sohn habe ein Fernsehgerät unsachgemäß auf dem Kühlschrank abgestellt. "Sie müssen sich das in Zeitlupe vorstellen", sagt Haußmann. "Ich öffne den Kühlschrank, gucke nach oben, und da fällt mir der Fernseher voll auf das Auge. Das sah aus." Ende der Szene. Wir sind im Bilde über die häusliche Atmosphäre im Zusammenleben mit einem pubertierenden Sohn. Rockmusiker will der Sohn werden, sagt Haußmann. Der Apfel fällt wohl nicht ganz so weit vom Stamm. Jetzt kann sich der Sohn Papas Jugend im Kino ansehen, vor allem ein nicht sehr vergnügliches Kapitel daraus: "NVA", das Kürzel für "Nationale Volksarmee", erzählt von der Militärzeit in der DDR.

Nun wäre Haußmann nicht Haußmann, wenn er daraus ein Drama gemacht hätte. "NVA" ist eine Komödie, auch wenn sie den Gesetzen der Komödie zuwider läuft. Denn wie in Leander Haußmanns ersten beiden Filmen "Sonnenallee" und "Herr Lehmann" sind die Helden ganz und gar unheldische Träumer. Was um sie herum geschieht, nehmen sie wie in Trance wahr. Die Welt, in der sie sich widerwillig bewegen, gleicht einer Theaterkulisse. Das hat seine Reize. Auch wenn die Kulisse so hässlich ist wie bei "NVA". Gedreht an Originalschauplätzen - in einer ehemaligen NVA-Kaserne in Bad Düben bei Leipzig.

Rückblick auf die Dreharbeiten

Die Nacht war lang und laut. Panzer rasselten über den pockennarbigen Asphalt im Hof der Heidekaserne im sächsischen Bad Düben, Schüsse fielen, Soldaten sprengten sich den Weg ins Innere frei. Regisseur Leander Haussmann ist zufrieden. Am Morgen des nächsten Tages, als sich Hunderte mit Gasmasken bewehrte Statisten bereits auf das große Manöver am Fluß vorbereiten, lässt Haussmann die nächtliche Szene um das düstere Militärgebäude noch einmal Revue passieren. Ein BMW X5 diente ihm als mobiles Rohabnahmestudio: Filmausschnitte wurden von DVDs auf die Bildschirme in den Kopfstützen der Vordersitze eingespielt. Die Experten in der Manufaktur von BMW Individual haben das Allradfahrzeug mit allen technischen Raffinessen ausgestattet. Bei der Sichtung des Filmmaterials konnte Haußmann entscheiden, ob die Szenen in Realisierung und Qualität den Wünschen von Regisseur und Produzenten entsprechen und, unterwegs zwischen den Drehorten, das Rohmaterial freigeben.

Wenig später fährt der Regisseur mit seinem rollenden Studio an das Ufer des träge dahinfließenden Flusses. Der Hauptdarsteller - der verträumte Henrik (Kim Frank) - ist dabei, der rebellische Krüger (Oliver Bröcker), der empfindliche Traubewein, der robuste Mischke und der angepasste Stadelmeir. Noch einmal rollen die aus früheren DDR-Beständen rekrutierten Panzer, und der Set-Fotograf findet sich plötzlich in der Rolle eines erbosten Anglers wieder, dessen am Ufer geparkter Trabi von den Stahlmonstren platt gewalzt wurde. Noch am Abend inspiziert Leander Haussmann die Drehergebnisse im mobilen Abnahmestudio, ob die Bilder seine Vorstellungen illustrieren: einen Film zu drehen "über den Sieg der Liebe über Hass und Unverständnis. Es wird aber auch ein Kostümfilm sein, mit den hässlichsten Kostümen, seit es den NVA-Lehrfilm gibt."

Die Nationale Volksarmee ist bei Haußmann vor allem ein Universum der Mittelmäßigkeit und der verordneten Langeweile. Drill und Schikane sind in "NVA" eher kauzig als brutal. Die Hauptfigur: Ein Junge mit weichen Lippen und romantischem Blick. Mit seinem schwarzen Schlapphut zieht er in die abgezirkelte Welt der Kaserne als verirrter Künstler ein. Henrik, so heißt er, ist unschwer als Double des einstigen Obermatrosen Haußmann zu erkennen. Aber auch ein anderer Rekrut trägt Charakterzüge Haußmanns. Der Soldat Krüger, ein Rebell, der später in der Strafkompagnie Schwedt gebrochen wird. Dorthin folgt ihm die Kamera nicht. Das ist eine andere Geschichte, die vielleicht einmal ein anderer Regisseur erzählt.

Komödie im Tarnanzug

"Hier, so sah ich aus", sagt Leander Haußmann und zeigt das Foto aus seinem Wehrpass. Er hat den "Wehrdienstausweis" auf der Rückseite seines gerade erschienenen Romans "NVA" abgebildet. Haußmann will, dass alle wissen: Er war da. Was er erzählt, sei glaubwürdig, gerade das Unglaubwürdigste daran. Haußmann, 1959 geboren, rückte 1978 ein in die Reihen der NVA. Er absolvierte die geforderten 18 Monate: Es war für ihn wie für alle anderen männlichen DDR-Bürger im wehrpflichtigen Alter ein "unausweichlicher Vorgang".

Auf die Frage, ob er gelitten habe, antwortet Haußmann widerwillig. Es liegt ihm nicht, das eigene Leiden auszubreiten. "So was kommt nur im Feuilleton gut an." Nein, sagt er: "Ich habe die NVA-Zeit nicht als Leid begriffen. Ich habe den Staat immer als Unverschämtheit begriffen. Er ging mir einfach furchtbar auf die Nerven, weil er sich laufend in meine Belange mischte. Die Menschen in der DDR wurden ja nicht gefoltert, sie wurden tyrannisiert und zwar nicht von Menschen, die dazu beordert wurden, sondern von den Mitbürgern, vom Nachbarn. Der wurde gegen einen mobilisiert, dem war man ausgeliefert.''

"NVA" handelt von Unterwerfung und von der Liebe, von den Lebenslügen und Schrullen der Offiziere, den Nöten der Jungs auf dem Weg ins Erwachsen-werden. Es ist kein Film, der das autoritäre System der DDR analysiert und an den Pranger stellt. Haußmann sagt: "Ich bin nicht in der Lage, mit Zorn zurück zu denken. Obwohl ich viele Gründe hätte, zornig zu sein. Bei mir obliegt das Gefühl des Mitleids mit den so genannten Tätern, die entsprechend differenziert behandelt werden müssen."

Begegnung mit der Vergangenheit

Manchem ehemaligen NVA-Offizier ist er bei den Dreharbeiten wieder begegnet, dieses Mal befanden sie sich in der Rolle der Experten, der dem Filmteam hilfreich zur Seite standen. Aber nicht nur daher rührt Haussmanns versöhnliche Haltung, die dem Film zu Grunde liegt. Haußmann sagt: "Man kann nicht behaupten, dass in der NVA Menschen systematisch psychisch und physisch fertig gemacht wurden. Man begegnete Vorgesetzten, die einen Sinn darin sahen, einen bestimmten Apparat am Laufen zu halten. Sie sahen keinen Sinn darin, Menschen fertig zu machen. Sie wollten Ordnung und Ruhe und nach Feierabend nach Hause zu ihren Frauen und Kindern."

Die NVA - eine Spießerhölle? Ja, auch. Aber dennoch liebt Haußmann auch die Quälgeister unter seinen Figuren. "Ich hasse die Konstellationen, in der sie sich befinden. In einer anderen Konstellation wären sie vielleicht gar nicht so hassenswert. Als Künstler kann ich keinen seelenlosen Bösen erfinden. Das ist ja noch nicht mal ein Comicstrip."

Streuner zwischen den Sparten

Die Vielschichtigkeit, die Haußmann seinen Figuren lassen möchte, beansprucht er in seiner Arbeit von jeher auch für sich selbst. Als Regisseur streunt er zwischen den Sparten, trennt Kunst nicht vom Kommerz. 1999 brachte er zusammen mit den Produzenten Detlev Buck und Claus Boje seinen ersten Film ins Kino, "Sonnenallee", die Erinnerung an eine Jugend in der DDR. Mit deren Ende begann Haußmanns Aufstieg zum erfolgreichsten deutschen Theaterregisseur. In Bochum war er fünf Jahre lang Deutschlands jüngster Theater-intendant. Seine Inszenierungen wurden preisgekrönt, in Tel Aviv brachte Haußmann unter großem Beifall Schillers "Kabale und Liebe" auf die Bühne. Aber seine Erfolge haben Haußmann nicht satt gemacht - und auch nicht weniger empfindlich. Es gibt Tage, an denen das Telefon nicht klingelt. Dann weiß er, es gab irgendwo irgendeine schlechte Kritik, von der ihm seine Freunde nichts erzählen wollen. "Aber über andere", sagt Haußmann, "lese ich schon mal gern schlechte Kritiken." Und dann lacht er, und man versteht noch einmal, warum Haußmann, der Selbstironiker, nicht zum Drama taugt.
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