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Alt 09.04.2004, 14:59     #4
Hermann   Hermann ist offline
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Die Fahrer

Juan Pablo Montoya.

Weiterhin hungrig, aber maßvoller.


2003 war Montoya beinahe quälend nah dran, die Dominanz Michael Schumachers zu brechen. Doch trotz der verpassten Chance, als Rennfahrer ein Stück Geschichte zu schreiben, blieb er gelassen. Am Ende seiner bisher erfolgreichsten Formel-1-Saison sagte er: „Man kann immer hätte, wenn und aber sagen. Doch was unterm Strich zählt, sind die Ergebnisse.“ Seine Reaktion zeugt von gewachsener Reife. Er ist nicht weniger hungrig auf Siege geworden, geht seine Aufgabe aber doch bedachter und maßvoller an. Nicht wenige bescheinigen ihm, dass er im kommenden Jahr das Zeug zum Weltmeister hat.

Während der Reifeprozess seine Talente kanalisiert hat, ist seine herausragende Eigenschaft nicht verloren gegangen – seine glühende Leidenschaft für das Rennen fahren. In dem Lateinamerikaner scheint permanent ein Feuer zu lodern, gelegentlich bricht es aus ihm heraus. Er bildet einen Kontrapunkt zu der Ruhe eines Michael Schumacher. Es ist Montoyas Temperament, das seine Fans lieben – sie verehren einen Fahrer, der intensiv lebt, atmet, kämpft, liebt, lacht und weint, auf und neben der Rennstrecke.

Diese Menschlichkeit, die so gar nicht zum Bild eines professionellen, disziplinierten und gehorsamen Athleten passen mag, sorgt dafür, dass man bei ihm mit allem rechnen muss. Er polarisiert die Massen wie lange kein Formel-1-Rennfahrer vor ihm.

Wendepunkt Monaco 2003.

Nach einem schwierigen Saisonstart war für ihn 2003 der Gewinn des Grand Prix von Monaco eindeutiger Höhepunkt. Zwei Jahrzehnte lang hatte sich WilliamsF1 nach einem Sieg im Fürstentum gesehnt, und Montoya wurde der Mann, der diese Durststrecke beenden konnte. Dieser Sieg wird allen in Erinnerung bleiben – ob Teammitgliedern der ersten Stunde wie Patrick Head oder jüngeren, etwa Chefkonstrukteur Gavin Fisher, der sagt: „Noch nie hat mir ein Sieg so viel Befriedigung gegeben, erst recht, weil wir so lange darauf gewartet haben.“

Montoyas Rennkarriere ist schon seit 1997 eng und erfolgreich mit WilliamsF1 verknüpft, im Besonderen mit Teamchef Frank Williams.

Anfänge in Kolumbien.

Juan Pablo Montoya wurde am 20. September 1975 in Bogota geboren, und bis 1992 hatte der junge Kolumbianer zahlreiche Siege und Titel im Kartsport eingefahren. Als Fünfjähriger hatte er seine Lehrzeit im Kart begonnen. Er lernte unter Führung und Beobachtung seines Vaters Pablo und seines Onkels Diego, der selbst als „Herrenfahrer“ erfolgreich war, einmal einen achten Platz beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans erzielt hatte.

Mit allen Anzeichen von Potenzial für eine Rennfahrerkarriere – Talent, Schnelligkeit und Siegeswillen – war es nur logisch, dass Montoya sich bald jenseits der Grenzen seines Heimatlandes beweisen wollte.

Europa im Visier.

Zunächst maß er sich an südamerikanischer Konkurrenz in verschiedenen Formel- und Tourenwagenklassen, dann nahm er Europa ins Visier. 1995 bestritt er sein erstes Formelrennen in Europa und beendete die Saison auf Platz drei der britischen Formel-Vauxhall-Meisterschaft. 1996 wagte er den nächsten Schritt nach oben und erntete Respekt für zwei Siege in der britischen Formel-3-Meisterschaft und Platz vier bei der inoffiziellen Formel-3-Europameisterschaft im holländischen Zandvoort. Diese Erfolge wurden seine Eintrittskarte für die internationale Formel 3000.

Als er dort auf Anhieb Zweiter der Meisterschaft wurde, lud ihn Frank Williams zu einem Formel-1-Test ein. Dabei stellte Montoya seine Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis. WilliamsF1 besorgte ihm zusammen mit Super Nova Racing für 1998 einen Platz in der Formel 3000. Am Ende des Jahres hatte Montoya den Titel in der Tasche – und einen Rekord an Saisonsiegen und Punkten aufgestellt. WilliamsF1 verpflichtete ihn umgehend als Formel-1-Testfahrer.

Kronjuwelen in den USA.

1999 schien ein baldiges Formel-1-Debüt vorstellbar, doch erwies es sich als kluger Schachzug, dass Montoya seine Laufbahn zunächst mit dem Target Chip Ganassi Team in der amerikanischen CART-Serie fortsetzte. Als Rookie eroberte er die Serie im Sturm. Er sammelte sieben Polepositions, sieben Siege und gewann den Titel. Der jüngste Meister dieser Klasse stach Paul Tracy, Dario Franchitti, Jimmy Vasser, Michael Andretti und Al Unser Junior mit 954 Führungsrunden in 20 Rennen aus.

Auch das Jahr 2000 wurde für ihn ertragreich: Er gewann das berühmte 500-Meilen-Rennen von Indianapolis im ersten Anlauf und hatte somit beide Kronjuwelen des amerikanischen Rennsports erobert.

Formel-1-Debüt 2001.

Nach zwei Jahren holte ihn Frank Williams von der Reservebank in das Formel-1-Cockpit. Montoya ersetzte Jenson Button für die Saison 2001 im BMW WilliamsF1 Team.

Nachdem man mit anderen Piloten aus der CART-Serie – Michael Andretti, Jacques Villeneuve und Alex Zanardi – sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatte und die Frage der unterschiedlichen Anforderungen beider Meisterschaften regelmäßig für Diskussionsstoff sorgte, wurde Montoyas Grand-Prix-Debüt mit großer Spannung erwartet. Er ließ das BMW WilliamsF1 Team nicht lange auf die Bestätigung warten, eine gute Wahl getroffen zu haben.

Bereits im dritten Rennen, beim Großen Preis von Brasilien in Interlagos, sorgte er mit einem spektakulären Überholmanöver gegen Michael Schumacher für Furore. Podiumsplätze in Barcelona und auf dem Nürburgring folgten. In Hockenheim lag er auf Siegkurs, musste sich letztlich jedoch bis zum letzten Europa-Rennen, dem Großen Preis von Italien in Monza, gedulden, ehe er sich auch in der Formel 1 in die Siegerliste eintragen konnte.

2002 wurde er für Michael Schumacher der Mann, den es im Qualifying zu schlagen galt. Montoya eroberte fünf Mal in Folge und sieben Mal insgesamt die Poleposition – ebenso häufig wie der Weltmeister im Ferrari.

Mit seiner Qualifying-Runde in Monza brach Montoya einen 17 Jahre alten Rekord, fuhr die schnellste Qualifikationsrunde der Formel-1-Geschichte. Er erzielte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 259,827 km/h und überbot damit die Bestmarke, die der Finne Keke Rosberg 1985 im englischen Silverstone mit einem WilliamsF1 FW10 und exakt 258,983 km/h gesetzt hatte.

2003 hatte Montoya sich längst den Ruf eines Top-Piloten verdient. Nachdem die Saison sehr zäh angelaufen war, wurde sein Monaco-Sieg zum Auftakt besserer Zeiten. Anschließend kam er bei den Doppelsiegen des BMW WilliamsF1 Teams auf dem Nürburgring und in Magny-Cours jeweils als Zweiter hinter seinem Teamkollegen Ralf Schumacher ins Ziel. In Hockenheim dominierte er klar den Großen Preis von Deutschland. Als die Saison sich ihrem Ende näherte, war er in den elitären Kreis der Titelkandidaten vorgerückt.

Obwohl Michael Schumacher letztlich das bessere Ende für sich hatte, ist doch klar geworden, dass Montoya zur neuen Garde der Top-Piloten zählt. Die Zukunft verspricht zudem Spannung und Duelle mit anderen aufstrebenden Fahrern wie etwa Kimi Räikkönen oder Fernando Alonso. Sie werden die nächsten Jahre der Formel 1 prägen.

Straßenfeger und Nationalheld in Kolumbien.

Montoya selektiert die Menschen, die er an sich heran lässt. Es gibt einfach zu viele, die seine Nähe suchen. Das mag in einem ruhigen Fahrerlager wie etwa im französischen Magny-Cours arrogant wirken. In Bogota dagegen offenbart sich ein Maß an Popularität, mit dem sich nur wenige Sportler konfrontiert sehen.

Tausende säumen die Straßen, wenn mit seinem Erscheinen zu rechnen ist. Von den 40 Millionen Kolumbianern sahen beispielsweise 27 Millionen seinen Sieg beim Großen Preis von Deutschland am Fernsehbildschirm. Er ist dort der Straßenfeger, nicht die Formel 1 an sich. Wäre er ausgefallen, hätten fast ebenso viele abgeschaltet. Seine Landsleute vergöttern ihn. „Wenn ich fahre“, weiß er, „steht daheim alles still. Das Land ist wie paralysiert.“ Und feiert auf den Straßen, wenn der Hoffnungsträger gewinnt. Das Konterfei des Nationalhelden begegnet einem in Kolumbien praktisch überall. Er ist der begehrteste Werbeträger überhaupt – ob für Softdrinks, Computer oder Motoröl.

Heimatliebe.

Montoya liebt sein Land. Dennoch ist ihm klar: Er kann in dem schönen südamerikanischen Staat nicht leben. Bei seinen Besuchen ist er von Bodyguards umgeben. Das Risiko einer Entführung durch Guerillas ist zu groß. Aus demselben Grund hat er auch seine Familie umgesiedelt. Jetzt leben alle in Miami, dem wahrscheinlich südamerikanischsten Fleck der Vereinigten Staaten.

Familienmensch.

Seither ist die Familie Montoya noch enger zusammengerückt. Genau wie seine bildschöne Ehefrau Connie, die er Ende Oktober 2002 im kolumbianischen Cartagena kirchlich geheiratet hat, begleitet ihn Vater Pablo zu den meisten Grands Prix. Seine Mutter, Libia, die kein Englisch spricht und nicht unbedingt der klassische Rennfan ist, kennt man ebenfalls. Auch seine Geschwister – ein Bruder, zwei Schwestern – fühlen sich im Fahrerlager zu Hause. Meist bringt jeder noch Freunde mit. Kurzum: Der Kolumbianer kommt selten allein. Für Juan Pablo bedeutet das nicht etwa zusätzliche Belastung an einem hektischen Wochenende, vielmehr findet er durch diesen Anhang Geborgenheit und die Präsenz von Zuhause.

Pulsierendes Leben in Miami.

Connie und Juan fühlen sich in Miami wohl, ihnen gefällt das pulsierende Leben in der Stadt am Meer. Außer einem Traum-Apartment mit Blick auf South Beach okkupieren sie dort noch eine Garage mit Hangar-Ausmaßen. Ein Spielzeugparadies. Ob Modellflugzeuge, ein Hobby, mit dem Connie ihn angesteckt hat, Jetskis, ein Motorboot, Boards zum Kite- oder Windsurfen, Fahrräder, Go-Karts – hier findet sich eigentlich alles, was Freizeitspaß in Miami bringen kann. Außerdem natürlich ein erheblicher Fuhrpark. Autos und Motorräder addieren sich auf 27 Kraftfahrzeuge. Connies Favorit unter ihnen ist der BMW X5.

Was immer er tut, ob er es sich im Lehnstuhl bei Star-Talker David Letterman als gern und häufig gesehener Gast gemütlich macht, sich für humanitäre Hilfsprojekte als UN-Botschafter Kolumbiens einsetzt, die von Connie initiierte Wohltätigkeitsstiftung „Formula Smile Foundation“ unterstützt oder mit unverhohlener Leidenschaft Rennen fährt – Juan Pablo Montoya wird alles immer mit ganzem Einsatz tun.

Kurzinterview.

Fragen an Juan Pablo Montoya:
  • Werden Ihre Pläne ab 2005 Einfluss auf die nächste Saison haben?

    Nein, kategorisch nein. Das BMW WilliamsF1 Team und ich haben für 2004 dasselbe Ziel: Wir wollen Rennen gewinnen. Ich habe dem Team gesagt, dass ich in der kommenden Saison hundertprozentig hinter ihm stehen werde, und nichts wäre besser, als einen Titel zu gewinnen. Umgekehrt hat mir das Team weiterhin seine volle Unterstützung zugesichert.
  • Weshalb verlassen Sie das BMW WilliamsF1 Team Ende 2004?

    Es gibt viele Beweggründe, und die Entscheidungsfindung war sehr schwierig. Nur die Zeit kann zeigen, ob ich die richtige Wahl getroffen habe. Beide Teams sind höchst professionell und fahren an der Spitze der Formel 1. Es ging dabei auch nicht nur um Geld, wie einige Zeitungen schrieben. Und mit Sicherheit denke ich nicht, dass das BMW WilliamsF1 Team keinen WM-Titel holen kann. Im Gegenteil, ich hoffe und erwarte, dass wir genau das 2004 tun. Manchmal geht es einfach um den Reiz einer neuen Herausforderung. Ende 2004 bin ich vier Jahre im selben Team, das ist bereits eine überdurchschnittlich lange Zeit.
  • Wie viel hat Ihnen der Monaco-Sieg 2003 bedeutet?

    Eine Menge! Er war schwieriger als mein Sieg bei den Indy 500 und ist mindestens so prestigeträchtig. Das macht ihn zum wichtigsten Sieg meiner Karriere. Es war großartig, welche Emotionen der Sieg bei Leuten wie Patrick Head ausgelöst hat. Er kommt seit einem Vierteljahrhundert nach Monaco und hatte seit den 80er Jahren keinen Sieg mehr dort gefeiert. Es war toll, diese Serie für das Team zu beenden. Außerdem markierte dieser Erfolg einen Wendepunkt in unserer Saison 2003. Von da an ging es bergauf.
  • Was erwarten Sie von der Saison 2004?

    Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir Ende 2003 nicht gut genug waren. Doch die Fehler sollten im Winter analysiert worden sein. Wir müssen ab dem GP Australien kampfstark sein, es gibt keine Ausreden. In der Vergangenheit haben wir uns vor dem Saisonstart immer gefragt, wie gut wohl die anderen sind. Ich hoffe, diesmal fürchten die sich vor uns.
Lebenslauf - Juan Pablo Montoya

Ralf Schumacher.

Et kütt wie et kütt – Es kommt wie es kommt.


Er wurde in Deutschland geboren, lebt aber in Salzburg und ist in der Welt zu Hause. Er hat einen berühmten Bruder, möchte aber nicht permanent mit ihm verglichen werden. Er ist einer der besten Formel-1-Rennfahrer der Welt, zum ganz großen Wurf hat es für ihn aber noch nicht gereicht. Ralf Schumacher ist nicht nur verdammt schnell, der Pilot des BMW WilliamsF1 Teams ist einer der interessantesten Typen im Fahrerlager.

Die Hemden sind immer frisch gebügelt, das Gesicht aber manchmal unrasiert. Die Augen sind immer hellwach, dennoch wirkt er bisweilen unnahbar. Dann schottet er sich vor der Öffentlichkeit ab, will sein Inneres nicht allüberall nach außen kehren. Das erscheit manchmal harsch, sogar arrogant. Doch meint er es nicht so. Im Gegenteil: Charme und Ironie, oft auch Selbstironie, haben ihm im Fahrerlager längst viele Sympathiepunkte verschafft.

Der Mann geht seinen Weg, den ist er immer gegangen, und den wird er weiter gehen. Er lässt sich nicht beirren, weder von Vergleichen mit seinem Bruder, noch von Kritik an Person, Eigenschaften oder Fahrstil. Dann zieht er eine unsichtbare Rüstung an, schüttelt alles Negative ab und konzentriert sich auf seinen Beruf. Seine Lebensweisheit kommt aus seiner Heimat, dem Rheinland: „Dort sagt man: Et kütt wie et kütt. Es kommt wie es kommt“, sagt Ralf Schumacher.

Und deshalb kommt, was kommen muss. Und von dem, was 2004 kommen wird, hat der 28-Jährige schon eine ziemlich genaue Vorstellung: „Die Ziele für die kommende Saison sind klar gesteckt. Wir wollen gewinnen. Natürlich muss man abwarten, aber die Basis ist vorhanden. Der FW26 ist dem FW25 schon ein Stück voraus. Von daher kann man davon ausgehen, dass wir eine gute Saison haben werden.“

Eine gute Saison hatten Ralf Schumacher und das BMW WilliamsF1 Team bereits 2003. Doch mit dem ersehnten Titel hat es nicht geklappt. In der Anfangsphase der Saison war der WilliamsF1 BMW FW25 nicht konkurrenzfähig. Erst Mitte der Saison kam die Wende – und zwar gewaltig. Schumachers Teamkollege Juan Pablo Montoya siegte in Monaco. Ralf Schumacher ließ seinem zweiten Platz in Montreal zwei Siege am Nürburgring und in Magny-Cours folgen – und war plötzlich Titelanwärter. Schließlich hatte er bis dahin in allen zehn Rennen Punkte gesammelt, was keinem anderen Fahrer gelungen war.

Dann jedoch kamen eine technisch bedingte Nullrunde in Silverstone, der Startunfall in Hockenheim und Platz vier in Ungarn – nur fünf Zähler aus drei Rennen. Danach folgten der schlimme Testunfall in Monza und ein Startverzicht – der Traum vom Titel 2003 war für Ralf Schumacher plötzlich ausgeträumt. „Dabei war es noch nie so leicht wie in der vergangenen Saison, den Titel zu holen. Wir waren so knapp dran und haben es dann doch nicht geschafft. Erst die vielen Glücksmomente und dann die Faust, die mich eingestampft hat. Hoch und tief, auf und ab – und das nicht handelsüblich, sondern extrem“, bilanzierte der Kerpener sein verflixtes siebtes Jahr in der Formel 1.

Das Beispiel Ralf Schumacher hat gezeigt, dass ein Rennfahrer nur so gut sein kann wie sein Rennwagen. Potenzial für 2004 ist da, nicht zuletzt wegen der erneut geänderten Bedingungen. „Das neue Reglement kommt uns entgegen, weil wir einen sehr kraftvollen und standfesten Motor haben. Zudem ist Michelin ein sehr starker Bestandteil unserer Partnerschaft“, sagt er.

Und dann ist da noch der Teamkollege, den es zu schlagen gilt. Montoya ist für Ralf Schumacher Motivation pur: Beide Fahrer treiben sich unablässig gegenseitig an. Im Wesen könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Der eine, der Deutsche, analytisch und ruhig. Der andere, der Kolumbianer, emotional und laut. Doch ihre Ziele sind gleich: Getrieben von Ehrgeiz, wollen sie den Titel.

Ralf, der Kalkulator.

Gewaltaktionen sind Ralf Schumachers Sache nicht. Er wartet lieber ab, bis der Moment zum Überholen günstig ist. Unter seinem Helm arbeitet stets ein kühler Kopf, ihm gehen in keiner Kurve die Gäule durch. Wenn er sich bei 300 km/h mit seinem Renningenieur über Boxenfunk austauscht, dann klingt das völlig unangestrengt und unaufgeregt, fast beiläufig. Ralf, der Kalkulator. Sein Kalkül auf der Rennstrecke beschert ihm gelegentlich Kritik, häufiger hingegen Punkte und auch Siege. Er fährt einen sauberen Strich – unspektakulär, zuverlässig und schnell. Das passt zu seinem Typ.

In der Ruhe liegt die Kraft. Kraft sammelt Ralf Schumacher im Kreise seiner Lieben – bei seiner Frau Cora und seinem Sohn David. „Meine Familie ist das wichtigste für mich. Ohne meine Familie wäre ich nichts“, sagt er immer wieder. Wenn er genug vom ohrenbetäubenden Lärm an den Rennstrecken hat, von der benzingeschwängerten Luft und all dem Stress und der Hektik im Fahrerlager, dann verschwindet Ralf Schumacher in die Natur. „Das gibt mir die innere Ruhe, die ich brauche. Ich mag es, wenn ich im Grünzeug morgens um vier auf der Pirsch bin und beobachte, wie der Wald erwacht“, sagt der Naturfreund und Hobby-Waidmann.

Fußball zur Entspannung.

Entspannen kann er neuerdings auch beim Fußball. Hatte er in der Vergangenheit noch gelegentlich über die Balltreter gespottet, kann Ralf Schumacher inzwischen nicht genug kriegen von dem Gekicke vor den Rennen. Oft organisiert er die Partien selbst, hat auf dem Rasen jedenfalls einen Riesenspaß. Und sonst? Manchmal greift er zum Kochlöffel – Chicken-Curry ist eines seiner Lieblingsgerichte.

Oder er entspannt in der Romanwelt von Harry Potter.

Zum Siegen hilft keine Zauberei, aber Ralf Schumacher hat das Zeug dazu. Das wurde bereits in seiner zweiten Formel-1-Saison offenbar. Im Jordan lag er beim Großen Preis von Belgien auf Kurs für Platz eins, musste dann aber zu Gunsten seines damaligen Teamkollegen Damon Hill zurückstecken. Ein Jahr später reichte es noch einmal nur fast zum ersten Sieg: Ralf Schumacher führte 1999 im Eifelregen beim Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring, bis er wegen eines Reifenplatzers ausfiel.

Inzwischen hat er sechs Siege, vier Polepositions und sieben schnellste Runden sowie insgesamt 23 Podiumsplatzierungen auf seinem Konto stehen. Den ersten GP-Sieg erzielte er 2001 in Imola, es war auch der erste für das BMW WilliamsF1 Team. Danach gewann er noch in Montreal und vor heimischer Kulisse in Hockenheim. 2002 holte er in Malaysia den einzigen Saisonsieg für die Mannschaft, ehe er 2003 eine starke Saison mit zwei weiteren Siegen folgen ließ.

Schalk und Schlagfertigkeit.

Harte Worte, eine oft verblüffende Schlagfertigkeit und ein Schalk im Nacken zeichnen ihn im Gespräch aus. Nach seinem Testunfall in Monza ulkte er: „Meine Gehirnströme wurden untersucht – und tatsächlich gefunden!“ Er nimmt kein Blatt vor den Mund, er sagt und vertritt seine Meinung. Unverblümte Kritik macht ihn unbequem, aber für ein Team auch wertvoll. Seine Aussagen werden von den Technikern sehr geschätzt. Dieser Mann versteht sein Auto und kann es weiterentwickeln.

Ralf Schumacher weiß, was er kann und will. Eine Fluglizenz für einen Jet hat er erworben, Hubschrauber darf er steuern, dem Zufall mag er nichts überlassen. Deshalb fliegt er sogar sein Flugzeug selbst: „Das macht mir Freude und gibt mir eine gewisse Sicherheit.“ Er reist zumeist mit Cora, seinem Trainer Daniel Dobringer und Pressesprecher Thomas Hofmann. Das eigene Flugzeug ist weniger Luxus als praktischer Komfort, den sich in der Formel 1 ermöglicht, wer kann. Flexible Reisezeiten und das Nutzen von kleinen Flughäfen in Streckennähe bedeuten erhebliche Zeitersparnis.

Kartbahn, Viehzucht und Rennwagensammlung.

Ralf Schumacher halten auch noch andere Interessen neben der Formel 1 und seiner Familie auf Trab. Mit einer Kartbahn in Bispingen hat er sich ein weiteres Standbein geschaffen, in seiner österreichischen Wahlheimat hat er sich der Viehzucht angenommen, und auch der Vergangenheit räumt er Platz ein: Er kauft seine ehemaligen Rennautos.

Am Anfang war das Kart. Ralf Schumacher hat sein Handwerk auf der Kartbahn in Kerpen gelernt, die seine Eltern als Pächter betrieben. Als Dreijähriger saß er zum ersten Mal im Kart, mit sechs Jahren gewann er sein erstes Clubrennen. Sein sechseinhalb Jahre älterer Bruder Michael half ihm als Mechaniker.

Kurz nach seinem 17. Geburtstag fuhr Ralf Schumacher im BMW ADAC Formel Junior auf dem Nürnberger Norisring sein erstes Automobilrennen und wurde Zweiter. Seine erste komplette Saison in dieser Nachwuchs-Formel beendete er 1993 als Meisterschaftszweiter. Der Aufstieg in die Deutsche Formel-3-Meisterschaft im WTS Team seines Managers Willi Weber war logisch. Ralf Schumacher wurde 1994, in seinem ersten Formel-3-Jahr, Dritter, im zweiten Zweiter.

Fortbildung in Japan.

Ende 1995 legte er selbst den Grundstein für eine Flucht vor dem europäischen und vor allem dem deutschen Rummel um Rennfahrer namens Schumacher. Er gewann das Formel-3-Weltfinale in Macau. Der Stadtkurs am südchinesischen Meer ist eine der schwierigsten Rennstrecken der Welt. Deshalb zählt ein Macau-Sieg auch in Japan ganz besonders viel. So bekam er die Chance, dort in der All Nippon Japanese F3000 zu fahren, dem fernöstlichen Pendant zur internationalen Formel-3000-Meisterschaft. Ralf Schumacher gewann das Championat bereits 1996. Im selben Jahr wurde er nach drei Siegen mit dem McLaren BMW Zweiter der japanischen GT-Meisterschaft. Nun konnte der nächste Schritt nur noch Formel 1 heißen.

Formel-1-Einstieg 1997.

Während der damals 22-Jährige in Japan Erfolge feierte, ebnete Willi Weber den Weg für seinen Formel-1-Einstieg. Ralf Schumacher hinterließ beim ersten Test im McLaren einen guten Eindruck und wurde von Jordan für seine erste Grand-Prix-Saison unter Vertrag genommen, eine zweite folgte.

Zur Saison 1999 wechselte er zu WilliamsF1. Längst war klar, dass BMW im Jahr 2000 dazukommen würde. Ralf Schumacher sah seine Chance. Er dominierte die Teamkollegen der ersten beiden Jahre mit WilliamsF1, Alex Zanardi und Jenson Button, und schnitt auch 2001 gegen Newcomer Juan Pablo Montoya besser ab. 2002 musste er sich erstmals in seiner Formel-1-Laufbahn gegen den Konkurrenten im eigenen Lager geschlagen geben, 2003 erneut. Und 2004? Et kütt wie et kütt.

Kurzinterview.

Fragen an Ralf Schumacher:
  • Wie beurteilen Sie die Änderung im technischen Reglement?

    Positiv. Vor allem die Regel, nur noch einen Motor am gesamten Wochenende verwenden zu dürfen, kommt uns entgegen, weil wir einen sehr starken und standfesten Motor haben.
  • Welche Erwartungen haben Sie persönlich an Ihre achte F1-Saison?

    Die Erwartungen an unser Team sind hoch, und meine eigenen sind es nach der vergangenen Saison natürlich auch. Ich hoffe, dass der FW26 von Beginn an konkurrenzfähig und der BMW Motor erneut der beste im Feld sein wird. Dann könnten wir ein ernsthaftes Wort um den Titel mitreden und Ferrari endlich an der Spitze ablösen.
  • Ihr Manager Willi Weber hat Sie als Favoriten auf den WM-Titel ausgemacht. Wird 2004 tatsächlich Ihr Jahr?

    Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn Willi Recht behielte. Ich denke, das Team wird weiterhin davon profitieren, dass die Leistungen von Juan Pablo und mir auf einem Niveau liegen. Natürlich möchte ich es sein, der am Ende die Nase vorn hat.
  • Wo liegen Ihre Stärken?

    Ich halte mich für einen recht guten Analytiker. Deshalb vergaloppiere ich mich sehr selten bei der Rennabstimmung und schaffe es oft, auch aus bescheidenen Startplätzen noch Punkte herauszuholen. Das beste Beispiel ist Budapest: Dort habe ich mich von ganz hinten durch das komplette Feld gekämpft – und das auf einer Strecke, auf der Überholen als praktisch unmöglich gilt.
  • Was wollen Sie noch lernen?

    Manchmal fehlt mir die Geduld.
Lebenslauf - Ralf Schumacher

Marc Gené.

Rasanter Musterschüler.


Akademiker sind rar unter Spitzensportlern, meist lässt das Training für die Profilaufbahn keine weitere Berufsausbildung zu, schon die Schule wird leicht zum ungeliebten Zeitaufwand. Marc Gené indes war ein Musterschüler. Gute Noten waren der Grundstein für seine Rennfahrerkarriere. „Mit zehn Jahren hatte ich wirklich sehr gute Zensuren“, erzählt er, „ich durfte mir zur Belohnung etwas wünschen.“ Er musste nicht lang überlegen: Für sein Hobby, das er mit Jordi, einem seiner zwei älteren Brüder, betrieb, bekam er sein erstes eigenes Kart.

Mit zwölf Jahren fuhr Gené die ersten Rennen. Mit 14 war er katalanischer und spanischer Kartmeister. 1993, mittlerweile 19-jährig, fiel er erstmals im internationalen Formelsport auf. Wer beim Formel-Ford-Festival im englischen Brands Hatch aufscheinen will, muss sich Rennen für Rennen im K.O.-System gegen die besten Nachwuchsfahrer aus aller Welt durchsetzen. Gené wurde in diesem Welt-Cup Zweiter und erzielte den gleichen Platz auch in der Formel-Ford-Europameisterschaft.

Formel-1-Debüt 1999.

Nach zwei Jahren in der britischen Formel-3-Meisterschaft folgten 1996 der Gewinn der Fisa Golden Cup Superformula in Italien und 1997 der Aufstieg in die internationale Formel-3000-Meisterschaft. Dort fiel er Giancarlo Minardi auf. Der Italiener gab ihm die Chance zum Formel-1-Test und verpflichtete ihn prompt für 1999 und 2000. In seiner zweiten Saison mit Minardi erzielte Gené mit einem sechsten Platz einen WM-Punkt – eine beachtliche Leistung, angesichts des unterlegenen Fahrzeugs.

Testfahrer mit der Präzision eines Uhrwerks.

Nach zwei Jahren bei Minardi wurde Marc Gené offizieller Test- und Ersatzfahrer im BMW WilliamsF1 Team. Seither hat er rund 42 000 Testkilometer abgespult und mit fundierten Aussagen wichtige Beiträge zur Wettbewerbsfähigkeit des Teams geleistet. Teamchef Frank Williams ist sich dessen bewusst: „Wir haben Glück, einen Fahrer von Marcs Kaliber bei uns zu haben. Er testet effizient und mit der Präzision eines Uhrwerks. Seine akribische Arbeit ist für unsere Weiterentwicklung von hohem Wert.“

Starker Renneinsatz in Monza 2003.

Marc Gené ist nicht nur respektierter Testfahrer, er ist auch im Rennen konkurrenzfähig. Das konnte er 2003 beweisen, als er Ralf Schumacher beim GP Italien in Monza vertrat, weil dieser noch unter den Folgen eines Testunfalls litt. Bei seinem ersten Renneinsatz für das BMW WilliamsF1 Team qualifizierte sich Gené für Platz fünf, fuhr ein sauberes Rennen und kam als Fünfter ins Ziel. Er holte vier WM-Punkte. Obwohl er nur ein einziges Rennen in der Saison gefahren war, ließ er in der WM-Tabelle drei Stammfahrer hinter sich und noch vier weitere Piloten, die immerhin 19 Starts auf sich vereinten.

Seine Kompetenz am Steuer, sein technisches Verständnis und seine intelligenten Aussagen haben ihm eine Vertragsverlängerung für 2004 eingebracht. Frank Williams: „Es freut uns sehr, dass Marc im kommenden Jahr bei uns bleibt, immerhin stehen sein Know-how und seine Fähigkeiten auch anderswo hoch im Kurs.“

Polyglott und belesen.

Genés Talente beschränken sich nicht nur auf den Fahrbetrieb. Der Spanier strahlt große Offenheit aus, er ist ein aufmerksamer und konzentrierter Zuhörer gegenüber Fahrerkollegen, Ingenieuren oder auch Gästen im Paddock Club. Zu seinem gewinnenden Wesen gehören auch seine vielseitigen Interessen. Er verschlingt regaleweise Literatur, vorzugsweise Biographien, Geschichts- oder Psychologiebücher. Seit er 1995 sein Wirtschaftsdiplom an der Universität von Buckingham absolviert hat, sorgt er auch dafür, dass sein Wissen in der Finanzwelt auf Ballhöhe bleibt.

Bei der BMW Motorsport Party in Kitzbühel am Ende der Saison 2002 eroberte er die Herzen der Gäste im Sturm. Obwohl er 100 anstrengende Testtage absolviert hatte und bei fast allen GP vor Ort gewesen war, hatte er noch Zeit gefunden, um Deutsch zu lernen. Er besuchte Intensivkurse in München, das bedeutete jeweils einen Monat büffeln. Längst kann er sich in der Sprache unterhalten. „Ich war richtig gerührt, als ich deswegen so viel Applaus bekam“, gibt er zu. Neben seiner Muttersprache Spanisch beherrscht er zudem Englisch, Französisch und Italienisch. Lernen ist seine Leidenschaft. Sein unstillbarer Wissensdurst und sein rasches Aufnahmevermögen machen ihn zu einem Testfahrer von unschätzbarem Wert.

Kurzinterview.

Fragen an Marc Gené:
  • Sie haben 2003 in Monza Ihren ersten Grand Prix für das BMW WilliamsF1 Team gefahren. Was bedeutete diese Erfahrung für Sie?

    Das war wirklich ein großartiges Erlebnis, eines, das ich nie vergessen werde. Wenn man das Glück hat, eine Chance wie diese zu bekommen, muss man das Beste daraus machen, und ich denke, das habe ich getan. Ich habe trotz ein paar Fehlern in der ersten und der zweiten Schikane Startplatz fünf geschafft, und das bedeutete den besten Startplatz meiner Formel-1-Karriere. Ich war zufrieden. Im Rennen wollte ich vor allem eine solide Leistung bringen und nichts falsch machen. Beim Start habe ich durch einen Zwischenfall mit Trulli zwar Plätze verloren, bin dann aber auch im Rennen Fünfter geworden. Ich war glücklich, für das Team Punkte geholt zu haben.


  • Sie sind 2003 rund 24 000 Testkilometer gefahren. Aus welchen Testaufgaben ziehen Sie am meisten Befriedigung?

    Am meisten genieße ich Reifentests, und dabei sind mir weiche Mischungen am liebsten, weil ich damit richtig schnelle Runden fahren kann. Auch Forschungsprojekte mag ich – Innovationen, von denen noch niemand sagen kann, ob sie je fruchten werden. Dazu gehört eine sehr enge und intensive Zusammenarbeit mit den Ingenieuren.
  • Welche ist die beste Teststrecke?

    Für mich ist das zweifellos Barcelona. Einerseits, weil es meine Heimstrecke ist und ich in meinem eigenen Bett schlafen und zu Hause frühstücken kann. Andererseits, weil der Circuit de Catalunya alle Arten von anspruchsvollen Kurven bietet. Das macht ihn zu einer echten Fahrerstrecke. Obendrein ist die Anlage gut ausgerüstet und organisiert, ein guter Platz für effiziente Arbeit.
  • Sie tauschen Ihre Testergebnisse mit Ralf Schumacher und Juan Pablo Montoya aus. Wie funktioniert das?

    Wenn ich denke, wir haben etwas sehr Wichtiges herausgefunden, rufe ich die beiden an. Aber normalerweise kommen wir Donnerstag oder Freitag vor einem Grand Prix zusammen. Dann berichte ich beispielsweise, welche Reifen besonders gut waren oder wie sie sich in den verschiedenen Streckenabschnitten verhalten haben.
  • Wer kommt Ihrem Fahrstil näher – Montoya oder Schumacher?

    Da ist kein großer Unterschied. Jeder Fahrer strebt bei der Abstimmungsarbeit nach einem neutralen Fahrverhalten, will sowohl ein Unter- als auch ein Übersteuern vermeiden. Wir kommen immer zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Vielleicht kommt Juan Pablo, der einen aggressiveren Fahrstil hat, besser mit einem leichten Übersteuern klar.
Lebenslauf - Marc Gené
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Viele Grüße Hermann

"Nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft"Heinrich von Kleist
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