Thema: Stefan Quandt
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Alt 19.09.2002, 10:49     #1
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Stefan Quandt

Von Wolfgang Ehrensberger /DIE WELT

Die Welt der Familienunternehmen liege ihm am Herzen, sagt Stefan Quandt. Auf einer Diplomfeier der Technischen Universität Karlsruhe ergreift er schon mal das Wort und tritt nicht nur in eigener Sache auf, sondern als "Botschafter" aller Familienfirmen. "Ich will etwas Werbung machen für diese Welt", sagt er dann zu den Absolventen. "Vielleicht lösen Sie ja eine Karte für die Vorstellung ´Familienunternehmen´."


Dass der unverheiratete 36-Jährige bisweilen als "reichster Junggeselle Deutschlands" oder gar "begehrtester Single der Republik" bezeichnet wird, charakterisiert ihn wohl am allerwenigsten. Mehr und mehr tritt er ohnedies anders in Erscheinung: als aktiver Unternehmer, der mit Leidenschaft sein Imperium ordnet. Der Wirtschaftsingenieur und Karlsruher Absolvent des Jahrgangs 1993 rückt auch etwas über seine Familie zurecht: "Die Quandts sind kein Unternehmen. Wir sprechen auch nicht von einer ´Quandt-Gruppe´. Wir sind eine Unternehmerfamilie, die gemeinsame, aber auch ganz verschiedene geschäftliche Engagements verfolgt."


Auch wenn er sich bescheiden als "Lernender" bezeichnet, so ist unübersehbar, dass Stefan Quandt in dem riesigen, in 150 Jahren gewachsenen Firmenimperium seiner Familie mehr und mehr Verantwortung übernimmt. "Der Erbe läuft sich warm" titelte vor kurzem die FAZ. Der Spross der wohlhabendsten Industriellenfamilie Deutschlands hält zusammen mit seiner Mutter Johanna Quandt und seiner Schwester Susanne Klatten gut 46 Prozent der Anteile am Autokonzern BMW - aktueller Wert rund zwölf Mrd. Euro. Stefan Quandt und seine Schwester sitzen dort auch im Aufsichtsrat, er inzwischen als stellvertretender Vorsitzender. Außerdem ist Quandt Alleinaktionär der Delton AG, seine Schwester besitzt die Mehrheit beim Dax-Aufsteiger Altana. Das Gesamtvermögen der Familie wird auf 20 Mrd. Euro geschätzt - mindestens.


Damit stehen die Quandts an der Spitze jener insgesamt rund 1,9 Millionen Familienunternehmen in Deutschland, die zwei Drittel aller Arbeitnehmer beschäftigen und mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. "Ein Familienunternehmen braucht kein künstliches Image", sagt Quandt. "Hier muss sich keiner den Kopf über eine schlüssige Story zerbrechen - ein Familienunternehmen hat im Gegensatz zu mancher Konzerngesellschaft ein Gesicht."


1960 hat sein Vater Herbert Quandt ein großes Aktienpaket an BMW übernommen und den kurz vor dem Konkurs stehenden bayerischen Autobauer so vor der Übernahme durch Daimler-Benz bewahrt. Dabei ging Herbert Quandt ein hohes finanzielles Risiko ein, da er große Teile seines Vermögens als Sicherheit einbringen musste, im Rückblick ein kluger Schachzug. "Das Bekenntnis meines Vaters zur Marke BMW war zugleich ein Bekenntnis zur Geschichte dieses Unternehmens. Gerade wegen seiner Tradition baute Herbert Quandt auf BMW."


In einem Zeitungsartikel habe er gelesen, BMW habe sich unter dem Einfluss der Quandts viel von den Eigenheiten eines Familienunternehmens bewahrt, so Stefan Quandt. "Ich finde, das ist ein großes Kompliment". Die Quandts verstünden sich als unternehmerische Aktionäre und stellten dabei wie jeder Unternehmer ihr Kapital ins Risiko. "Wir führen unsere Unternehmen an der langen Leine und regieren nicht in operative Entscheidungen hinein. Wir gestalten die Unternehmensentwicklung aktiv über unsere Aufsichtsräte und übernehmen so selbst die Verantwortung."


Ein Hauptvorteil bei Familienunternehmen sei deren langer Atem, der Verzicht auf die kurzfristige und auf Quartalsergebnisse fixierte Perspektive. "Die langfristige Wertsteigerung bei stabiler Ertragsentwicklung ermöglicht eine effiziente Personalplanung und eine beständige Personalkultur - ohne hektische Hire-and-fire-Zyklen."


Stefan Quandt bezeichnet BMW als managementgeführtes Familienunternehmen. "Aus vielen Gesprächen weiß ich: Die Mitarbeiter bei BMW sehen das genauso. Dieses Gefühl gibt ihnen Stärke, denn direkt damit verknüpft ist die Unabhängigkeit des Unternehmens, und damit wiederum die Eigenständigkeit der Marke als Schlüssel für den künftigen Erfolg."


Hinter diesen Worten verbergen sich bittere Erfahrungen, die Stefan Quandt wohl mit dazu bewogen haben, stärker in die Verantwortung zu gehen. BMW hatte 1994 den britischen Autohersteller Rover übernommen. Der anfangs viel gefeierte Zukauf entwickelte sich jedoch zu einem Fass ohne Boden. Darüber waren 1998 der damalige Vorstandschef Bernd Pischetsrieder und sein Entwicklungschef Wolfgang Reitzle derart in Streit geraten, dass das Unternehmen praktisch führungslos in die schwerste Krise seit 1960 trudelte und bereits als Übernahmekandidat galt. Es gibt Stimmen, die der Familie Quandt vorwerfen, hier zu spät eingegriffen zu haben.


Auf einer dramatischen Aufsichtsratssitzung scheiterte dann am 5. Februar 1999 auch noch der Versuch, Pischetsrieder durch Reitzle zu ersetzen, am Widerstand der Belegschaft. Am Ende dankten beide ab, und der bis dato unauffällige Produktionsvorstand Joachim Milberg stand plötzlich als neuer Vorsitzender da. Kein Wunder, dass er zunächst als "Verlegenheitslösung" galt.


Die Konkurrenz weidete sich derweil am Schleuderkurs des Münchner Autobauers und sorgte für zusätzliches Sperrfeuer. Der damalige VW-Vorstandschef Ferdinand Piëch ließ das Gerücht streuen, VW wolle bei BMW einsteigen und sei damit bei Teilen der Familie Quandt bereits auf offene Ohren gestoßen. Von den Quandts wurde das zwar dementiert, allerdings trat Stefan Quandt dabei nie persönlich in Erscheinung, sondern ließ über seinen damaligen Sprecher Thomas Gauly erklären, es habe zu keinem Zeitpunkt Gespräche oder Kontakte über einen Verkauf der BMW-Anteile gegeben. "Die emotionale Bindung, die sich über die Jahre des BMW-Engagements entwickelt hat, ist ungebrochen. Die BMW-Begeisterung lebt auch in der vierten Quandt-Generation fort", so Gauly. Die Zweifel an der Treue der Quandts zu BMW zerstreuten sich allerdings erst, als der Autohersteller zu alter Stärke zurückgefunden hatte.


Neben BMW engagiert sich die Familie auch noch in anderen Unternehmen. Dabei gehen die Geschwister, die sich gut miteinander verstehen, getrennte Wege: "Meinem Vater war wichtig, dass meine Schwester und ich nach unserer Ausbildung unabhängig voneinander unsere eigenen unternehmerischen Ideen verwirklichen können", so Quandt. Susanne Klatten ist mit über 50 Prozent am Pharma- und Chemiekonzern Altana beteiligt und dort stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. Das Unternehmen expandiert, ist seit Mai in New York gelistet und vor kurzem in den Kreis der Dax-Unternehmen aufgenommen worden.


Das unternehmerische Investment von Stefan Quandt dagegen ist in der strategischen Management-Holding Delton AG gebündelt (2002: rund 850 Mio. Euro Umsatz), mit den Geschäftsfeldern Logistik, Arzneimittel, Haushaltsprodukte und Stromversorgung. "Das Ziel ist, dieses Portfolio mit Blick auf Marktführerschaft im internationalen Maßstab zu optimieren und organisch auszubauen", so Quandt. So ist die CEAG AG bereits Weltmarktführer bei Handy-Ladegeräten mit Kunden von Nokia über Siemens bis Sony. Was "aktives Portfoliomanagement" bei Delton heißt, war in den letzten Wochen deutlich zu sehen: Der Traditions-Hemdenhersteller Van Laack, der nicht zu den übrigen Beteiligungen passte, wurde verkauft. Dagegen stärkt Delton seine Logistiksparte und stieg deshalb vor kurzem beim Logistikunternehmen Thiel ein. Thiel soll nun mit Deltons Logistikdienstleister Microlog zusammengelegt werden. "Ein Überraschungscoup von Quandt, weniger wegen des Zeitpunkts als wegen der Dimension", wunderten sich die Konkurrenten. "Da entsteht eine neue Macht in einem wachstumsträchtigen Zukunftsmarkt in einer volkswirtschaftlichen Schlüsselbranche", ahnen sie. Das Beunruhigendste für die Wettbewerber aber ist die Tatsache, dass sie es mit einem Quandt zu tun haben. Die Familie sei schließlich bekannt für "Solidität und langfristige Engagements".


Delton ist so etwas wie die operative Basis der Aktivitäten von Stefan Quandt, das "unternehmerische Vehikel", wie es Delton-Chef Berndt-Michael Winter formuliert. Einem internen Strategiepapier zu Folge soll die Delton-Gruppe "die Bedeutung und die Ertragskraft eines Dax-50-Unternehmens erreichen". Ziel ist außerdem, dass jeder Geschäftsbereich perspektivisch mindestens eine Ertragskraft von durchschnittlich 25 Mio. Euro Ergebnis vor Steuern erreicht.


Der Hamburger Wirtschaftsautor Rüdiger Jungbluth hat vor kurzem eine Quandt-Biografie auf den Markt gebracht. ("Die Quandts - ihr leiser Aufstieg zur mächtigsten Wirtschaftsdynastie Deutschlands", Campus). Sie widmet sich auf 378 Seiten detailliert der Geschichte der Familie von der Kaiserzeit bis zu den Erben. Das Kapitel über Stefan Quandt nimmt dabei übrigens gerade einmal dreieinhalb Seiten ein. Im Epilog stellt Jungbluth die Frage auf, "die sich nicht nur altlinke Theoretiker stellen, ob es noch zeitgemäß ist, dass ein Unternehmen mit der Größe von BMW noch mehrheitlich im Besitz einer Familie ist".


Die Alternativen - höherer Einfluss von Fondsverwaltern oder Banken - können den Autor nicht überzeugen. "Es führt auch für kritische Beobachter kein Weg an der Einsicht vorbei, dass die meisten Unternehmen, die die Quandts unter ihre Kontrolle gebracht haben, gut damit gefahren sind. Als wachsame Eigentümer beugen sie der Gefahr vor, dass ruhmsüchtige Spitzenmanager durch Egotrips erfolgreiche Unternehmen an den Abgrund führen. Die Quandts haben ihr unternehmerisches Eigentum stets als Auftrag zur Erhaltung begriffen."

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Gruß, Chaplin
always look on the bright side of life
Fat Lady

Geändert von Chaplin (19.09.2002 um 10:54 Uhr)
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