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Alt 25.07.2002, 10:35     #21
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Die Zeit *Der Mann für Kurveb und Kanten* 25.07.02

DIE ZEIT


Wirtschaft 31/2002

Der Mann für Kurven und Kanten

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Chris Bangle, Designchef von BMW, sollte der bayerischen Marke
ein neues Gesicht geben - und steckt jetzt Prügel für seine ersten
Modelle ein. Ist der Amerikaner genial oder gefährlich? Von seinem
Gespür für Formen hängt die Zukunft des Konzerns ab

von Dietmar H. Lamparter

Woran misst man den Designchef eines Autokonzerns? Geht es danach, wie begehrt
die Fahrzeuge der Marke bisher sind, dann ist Chris Bangle von BMW Spitze. Geht es
nach der öffentlichen Kritik am jüngsten Modell, dann gehört Bangle in die Ecke
gestellt: Nie zuvor wurde in Deutschland ein neues Auto so verrissen wie der
7er-BMW. Seit das Spitzenmodell der Bayern vergangenen Herbst auf der
Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt präsentiert wurde, reißt die
Mäkelei an dessen eigenwilliger Form nicht ab. Und in diesen Tagen sorgt der
ungewöhnlich kurvenreich gestylte Sportwagen Z4, der demnächst auf den Markt
kommt, schon wieder für Diskussionsstoff.

Geht der Mann jetzt in Sack und Asche? Mitnichten. "Positive und negative
Rückmeldungen gehören zum Leben eines Designers", sagt der 46-jährige Amerikaner
im Münchner BMW-Forschungs- und Innovationszentrum FIZ. Locker, selbstbewusst,
temperamentvoll und ruhig zugleich erläutert Chris Bangle, was er für die Aufgabe
eines car designer oder genauer eines design manager hält. Sein Job sei es, seinen
"Künstlern" in München und Kalifornien den nötigen kreativen Freiraum zu schaffen,
im Konflikt zwischen den pragmatischen Anforderungen des Unternehmens und der
künstlerischen Leidenschaft zu vermitteln. Technisch und qualitativ werden sich die
Autos auf der Welt immer ähnlicher. Umso wichtiger werde das Image einer Marke,
betonen Vordenker wie der ehemalige Entwicklungschef Wolfgang Reitzle. Deshalb
wird der Faktor Design immer wichtiger.

Sie kennen ihren Wert, die Autodesigner. Als Künstler fühlen sie sich alle, Chris
Bangle inklusive. Aber die Kreativität ist limitiert: "Dies sind nicht die
Studios, und ich bin nicht Steven Spielberg. Dies sind die Bayerischen
Motorenwerke, und ich bin als Bereichsleiter für Design zuständig." Und damit über
seine Rolle erst gar keine Missverständnisse aufkommen: "This is not a question of
Handschrift, es geht um die Umsetzung der Werte der Marke BMW", sagt er im
typischen Bangle-Idiom, in dem sich deutsche und englische Sprachbilder
durchmischen. BMW stehe für Sportlichkeit, Dynamik, Luxus und Präsenz - einen
unverwechselbaren Charakter eben.

Natürlich sei die Optik des 7ers ein Designsprung, aber "wir wollten den jump". Eine
Gewöhnungsphase ist einkalkuliert: "Wir waren uns bewusst, dass wir damit der
Herde (der übrigen Automarken) weit voraus sind." Viele bahnbrechende
Innovationen der Autogeschichte seien erst mal strange gewesen - die ersten
Schrägheckautos, die ersten Spoiler ... Es gehe ihm weniger um Schönheit als um
Charakter. "Design, das aus einer funktionalen Begründung geboren wird, ist
beständiger als solches, das einer Modeströmung entspringt." Bescheidenheit klingt
anders.

Wie wichtig das neue Flaggschiff mit seiner "progessiven Formensprache" für den
Kurs der Marke ist, machte der damalige BMW-Chef Joachim Milberg bei der
Vorstellung deutlich: "Der neue 7er verkörpert für die BMW Group den Aufbruch in
eine neue Ära des Automobils. Und er verkörpert den Führungsanspruch der BMW
Group.” Große Worte.

Doch was die BMW-Strategen so mutig in die Welt hinausposaunten, fand ein
verheerendes Echo. Gestandene Kreativkräfte der Konkurrenz durchbrachen
reihenweise den Komment, nach dem öffentliche Kollegenschelte tabu ist.
Ausgerechnet auto, motor und sport, das Leib-und-Magen-Blatt vieler BMW-Fans,
rezitierte den gesammelten Hohn und Spott: Der Chefdesigner von Ford gab sich
dort "erschüttert", sein Jaguar-Kollege meinte, BMW habe ihnen einen großen
Gefallen getan; der Audi-Entwicklungschef sah den 7er als "unfreiwillige Steilvorlage"
für den nächsten Audi A8; Stardesigner Walter da Silva (ehemals Alfa Romeo, jetzt
Seat/Audi) krittelte: "Die Front passt nicht zum Heck", welches VW-Designchef
Hartmut Warkuß gar als "Haufen unkoordiniertes Blech" runtermachte; und ein
Mercedes-Designer wunderte sich nur: "Sportlichkeit und Eleganz sind weg."

"Es gab mal einen gewissen Ehrenkodex unter Car-Designern, dass man untereinander
alles diskutiert, aber nicht in der Öffentlichkeit", wundert sich Bangle. Er bleibt
lieber altmodisch und schweigt über die ästhetischen Sünden der Kollegen. "Dass das
Auto polarisiert, haben wir einkalkuliert, aber das Ausmaß der Reaktion hat uns
überrascht", räumt ein BMW-Manager ein.

BMW wurde vorgeworfen, stets von derselben Wurst abzuschneiden

Doch wie kam es zu dem Designsprung bei BMW, und wie kam der Amerikaner
überhaupt in diese Position bei der deutschen Traditionsmarke?

Der im Jahr 1956 in Ravanna im US-Bundesstaat Ohio geborene Christopher Edward
Bangle hatte bis zu seinem Wechsel nach München eine steile Karriere hingelegt.
Nachdem er das renommierte Art Center College of Design im kalifornischen
Pasadena mit Auszeichnung durcheilt hatte, machte sich der 25-Jährige auf nach
Europa. Wollte dort "von den großen Meistern lernen". Bei Opel in Rüsselsheim fing
er 1981 als Interior Designer an, zwei Jahre später war er dort Chef aller
Innenraumgestalter. Dann rief Italien. Von 1985 an entwarf der Amerikaner die
Blechhüllen neuer Fiat-Modelle und stieg dort Anfang 1992 zum Direktor des
berühmten Centro Stile auf. In Bangles italienischer Periode entstanden Modelle wie
der originelle kleine offene Zweisitzer Fiat Barchetta und das dynamische Fiat
Coupé - beide in der Kreativszene hoch gelobt.

"Das Fiat Coupé war das letzte Auto, das ich bis auf den letzten Strich physikalisch
selbst gezeichnet habe", erzählt Bangle jetzt im FIZ, wo insgesamt mehr als 6000
Ingenieure und Designer, streng abgeschirmt, die "Produktoffensive" der Bayern
munitionieren. Dorthin holte ihn Wolfgang Reitzle Ende 1992 als neuen Hirten der
300 Köpfe starken Designabteilung.

Der Vorgänger des jetzigen 7ers war damals gerade in der Endphase der Entwicklung
und gab auch die grobe Linie der kleineren BMW-Modellreihen (5er- und 3er-Serie)
vor. Die Autos mit dem nierenförmigen Kühlergrill fuhren in den neunziger Jahren
steil nach oben. Kritisiert wurde aber die große Familienähnlichkeit der
Modellreihen. "BMW wurde vorgeworfen, immer von derselben Wurst
abzuschneiden, nur in verschiedenen Längen", schildert Bangle den Ausgangspunkt für
"neue Wege in der BMW-Designsprache". Der 7er sollte der Anfang einer ganzen
BMW-Generation werden - 20 weitere Modelle soll die vom Vorstand ausgerufene
Produktoffensive bis 2007 hervorbringen. Nach dem Abschied von Rover stößt BMW
mit einer kleinen 1er-Reihe in die Golf-Klasse vor, der geländegängige Bestseller X5
erhält den kleinen Bruder X3, neue Coupés und Cabri sollen die 6er-Reihe wieder
auferstehen lassen.

"Wir bekamen die Aufgabe vom Vorstand: Bringt BMW in eine Richtung, in der eine
breitere Palette von Fahrzeugen Platz hat", sagt Bangle. Das "wir" ist dem Designchef
wichtig. Er vergleicht seine Rolle mit der eines Fußballtrainers oder Dirigenten. Und
er nimmt die Verantwortung für seine Designer und Modelleure ernst. ",Das gefällt
mir, das gefällt mir nicht', genügt nicht als Kritik." Er spornt seine Leute an, ihre
Entwürfe als "ihre Babys" bis zuletzt zu lieben, auch wenn sich nur eine Idee
durchsetzen kann. "Der Sieger ist dann super happy, für die anderen ist das hart,
sehr hart." Deshalb macht er sich auch die Mühe, seinen "Künstlern" detailiert zu
berichten, was die Vorstände bei der Präsentation gesagt haben.

Der Dirigent hat nämlich auch noch einen Intendanten und dieser wiederum einen
Generalintendanten samt Gefolge über sich. Bei BMW sind dies der
Entwicklungsvorstand und der Vorstandsvorsitzende. Als Bangles Truppe Ende der
neunziger Jahre die Grundauslegung des 7er-Designs entwarf, waren dies Wolfgang
Reitzle (jetzt Chef bei Linde) und Bernd Pischetsrieder (jetzt VW-Konzernchef). Als
beide aufgrund des Desasters mit der britischen Tochter Rover Group im Februar
2000 ausschieden, folgten Wolfgang Ziebart (Entwicklung) und Joachim Milberg
(Vorsitzender). Ein Jahr später war Ziebart nach einem großen Revirement im
BMW-Vorstand schon wieder weg. Der Schwabe Burkard Göschel wurde Bangles
direkter Chef. Jetzt hat er mit Helmut Panke (zuvor Finanzchef) auch den dritten
Konzernchef - und allen muss er es recht machen.

"Diesen rasanten Wechsel sieht man dem 7er auch an", spottet ein ehemaliger
BMW-Mann, "schließlich will jeder Entwicklungschef und jeder Vorstandsvorsitzende
seine Spuren hinterlassen."

Er habe in der ersten Auswahlrunde (da gab es noch 20 Varianten!) eine etwas
sportlichere Variante des 7ers favorisiert, verrät der jetzige Vorstandschef Helmut
Panke, der als Finanzchef bei den aufwändigen Präsentationen von Tonmodellen in
Originalgröße mit von der Partie war. Aber dann habe er sich in dem
trichterförmigen Entscheidungsprozess doch umentschieden und sei den Vorschlägen
der Designer gefolgt.

Bangle und der Entwicklungsvorstand geben nämlich "eine Empfehlung" ab - beim 7er
war es die "avantgardistische Lösung". Bisher sei das Vorstandsgremium den vom
Entwicklungschef vorgetragenen Empfehlungen immer gefolgt, verrät Bangle. Und
der Amerikaner, der farbige Sakkos mit großem Karo liebt, weiß die Herren in
blauem und grauem Einheitstuch zu überzeugen.

Helmut Panke verteidigt die neue Designphilosophie genauso vehement wie sein
Vorgänger. "Wir wollten mehr differenzieren", sagt Panke. Der 7er sollte durch
"mehr Präsenz" überzeugen. "Die Wuchtigkeit im Vergleich zum Vorgänger war für
den global market so gewünscht", sagt Bangle.

Trotzdem sei "Autodesign nur ein Spiel von Millimetern", gibt der Amerikaner zu
bedenken. Schließlich seien für jedes Modell aerodynamische Anforderungen, Länge,
Innenraumgröße, Technik und Sicherheitsstandard vorgegeben - für den Designer
eine ständige Gratwanderung zwischen Rationalität und Ästhetik. Eine keilförmige
Lösung wäre für den großen BMW hinten einfach zu hoch geworden. Das
unterstreicht er mit einer Handbewegung. Weil man aber doch einen großzügigen
Laderaum wollte, kam es zum berüchtigten Kofferraumdeckel ... Wenn Bangle die
Entstehung der 7er-Form erläutert, kann man sich seiner Logik kaum entziehen. Kein
Wunder, dass sich Herr Panke umentschieden hat.

Etwas Arroganz gehört bei den Münchner Autobauern dazu

Und bewies Bangle nicht schon mit der aktuellen 3er-Reihe und mit dem knuffigen
neuen Mini, der Stilelemente des Vorgängers "ikonisch weiterschreibt", dass er ein
Händchen für Bestseller hat? Andere Hersteller sichern sich durch so genannte car
clinics ab, bei denen kleine Kunden-Gruppen ihre Meinung zu Entwürfen äußern.
Bangle lehnt das ab. Etwas Arroganz gehört bei BMW dazu. Der Meister orientiert
sich lieber an fachlichen Urteilen und nutzt als Korrektiv die Reaktionen seiner Frau
und seines Sohnes. "Die dulden keine langen Erklärungen."

Der blonde Amerikaner mit dem gepflegten Vollbart hat auch Fans. Bernd
Pischetsrieder, der jetzt bei Audi und VW das Sagen hat, lässt auf ihn nach wie vor
nichts kommen. Bangle sei "einer der Besten". Wolfgang Reitzle sieht das genauso.

Bangles jetziger Entwicklungschef Göschel hat ihn bei der Projektarbeit für den
Z3-Roadster und den New Mini "Ellbogen an Ellbogen" schätzen gelernt. Er glaubt den
Unterschied zu kennen: "Bangle ist einer der wenigen Designer, die es verstehen,
eine in die Zukunft reichende Designphilosophie zu entwerfen." Und die Kritik?
"Dehnübungen müssen auch mal schmerzen", sagt der Schwabe.

Wie sehen die weiteren Dehnübungen der Marke aus? Der 7er stehe am einen Ende
des Spektrums, der neue Roadster Z4 mit seinen geschwungenen Formen bilde das
andere. "Alle weiteren neuen Modelle liegen dazwischen", sagt Bangle. Der 1er läge
näher am Z4, der nächste 5er näher am 7er. Aber alle eigenständig. Tröstlich für
viele BMW-Fans: Der 5er wird sportlicher als sein großer Bruder daherkommen.

Und die Münchner Strategen sind sich sicher, dass sich die kritische deutsche Klientel
an die neuen Formen gewöhnt. Bangle sagt, in Amerika, Asien, aber auch in Italien
oder England träfe der große BMW ohnehin auf "eine Superakzeptanz".

Vorstandschef Panke triumphiert: "Im Juni ist die 7er-Reihe mit weltweit 4800
abgesetzten Einheiten bereits Marktführer in ihrem Segment." War das schon der
Durchbruch für die neue Designphilosophie?

Bislang seien fast nur blinde Vorausbestellungen ausgeliefert worden, sagt ein
Ex-BMW-Mann. Ihm wurde zugetragen, drei von vier bisherigen 7er-Piloten wollten
den neuen nicht mehr haben. Wer Recht behält, entscheidet sich in den nächsten
Monaten - je nachdem, ob es gelingt, Kunden von der Mercedes-S-Klasse
wegzulocken.

"Es wird keinen langweiligen BMW geben", versprach der neue Vorstandsvorsitzende
Helmut Panke bei der Halbjahresbilanz im Juli. Dafür steht ein Amerikaner, der
garantiert nie mehr von derselben Wurst abschneiden will.



Christopher Edward Bangle kam als 25-jähriger Designer nach Europa. Er fing 1981
bei Opel in Rüsselsheim als Innenraumgestalter an, stieg zum Abteilungschef auf und
wechselte 1985 zu Fiat. Dort wurde er 1992 Direktor des Designstudios Centro Stile.
Im selben Jahr lockte ihn BMW als Designchef nach München. Seine direkten
Vorgesetzten haben mehrfach gewechselt, aber der 46-Jährige konnte bislang alle
Vorstände von seiner Philosophie überzeugen
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Gruß, Chaplin
always look on the bright side of life
Fat Lady
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