Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 20.01.2009, 12:05     #17
Martin   Martin ist offline
BMW-Treff Team
 

Threadersteller
 
Registriert seit: 11/2002
Ort: 72336-Balingen
Beiträge: 19.730

Aktuelles Fahrzeug:
E89

BL-
Nick Heidfeld.

Lebenslauf Nick Heidfeld als PDF


Selbstbewusst entwaffnend.

Wenn sich einer vor die Kamera stellt und sagt: „Mein Ergebnis ist eine Katastrophe!", dann bleiben auch dem kritischsten Reporter seine Fragen im Hals stecken. Nick Heidfeld erlebte 2008 die schwierigste Saison seiner gesamten Motorsport-Karriere, und die dauert schon 20 Jahre. Auch in Momenten schmerzender Niederlagen stellte ersieh. Durch seine Probleme, die Reifen im Qualifying auf Temperatur zu bekommen, hat er Punkte verloren. Aber nichtseinen Charakter. Er ist selbstbewusst und entwaffnend ehrlich.

Er sprach nicht nur in gefasster Ruhe immer wieder über die Komplexität, das Reifenpotenzial auf einer einzelnen Runde voll auszunutzen, er ließ sich auch auf der Strecke zu keinerlei Jetzt-erst-recht-Aktionen hinreißen. Und vor allem: Er arbeitete an seinem Problem und löste es mit Hilfe der Ingenieure.

Ein realistisches Selbstbewusstsein ist die Basis von Heidfelds Offenheit. Die Frage, ob er sich um seinen Job sorge, parierte er im Sommer 2008 stets mit: „Nein, ich mache mir um meine Qualifying-Leistung Sorgen. Sie muss wieder auf das Niveau der Rennperformance, dann klappt auch der Rest."

Heidfeld fährt Rennen, dass es eine Freude ist. Fünf der besten Überholmanöver 2008 gingen aufsein Konto-jedes Mal überholte er gleich zwei Autos auf einmal. Für seine Zweikampfstärke und seine Rennintelligenz erhielt er auch in schwierigen Phasen Lob vom Chef. Er übt seinen Traumberuf mit Herzblut und Verstand aus - und mit der souveränen Ruhe, die aus Erfahrung geboren wird.

Ruhe gönnt sich der Wuschelkopf auch bei Interviews, die Themen abseits der Rennstrecke berühren. Ob Kunst, Mode, Reisen oder Familie. Es gelingt ihm, seine Familie einerseits zu schützen, sie andererseits aber nicht zu verbergen. Er hat sie möglichst oft um sich und plaudert bereitwillig über Patricia, mit der er in wilder Ehe lebt, und den gemeinsamen Nachwuchs. „Kinder sind das Tollste, was es gibt", schwärmt er und erzählt strahlend von tapsigen Gehversuchen seines im Sommer 2007 geborenen Sohnes Joda oder den Faxen der zwei Jahre älteren Tochter Juni.

„Es fällt mir schwer, auch mal streng zu sein", gibt er zu, „das musste ich lernen." Die Balance zwischen Disziplin und freier Entfaltung ist ihm auch auf Reisen wichtig. Er ist zwar häufig der letzte Formel-1 -Fahrer, der an einem Freitagabend aus einem Ingenieursbüro an der Rennstrecke kommt, weil er nicht locker lässt, ehe alle Daten analysiert und besprochen sind, aber danach macht er sein Ding. Er nimmt die Orte wahr, an die ihn sein Beruf führt. Bummeln, Shoppen, Kunstgalerien gehören ebenso zum Programm wie mit der Familie in Disney World herumzualbern. Gutes Essen ist Passion, sein intensives Fitnesstraining verhindert, dass dadurch die muskulöse Jockey-Figur in Gefahr gerät. Und er kann feiern. 2008 lud er Freunde aus der Heimat und Wegbegleiter aus dem Fahrerlager zu einem spektakulären Fest an den Zürichsee ein. Mit dem Auftritt der „Fanta 4" erfüllte er sich einen Traum.

Heidfeld kam 2008 in jedem der 18 Grands Prix ins Ziel und wurde vier Mal Zweiter. Er hält einen ungeliebten Rekord: Kein Fahrer wurde in der Formel 1 so oft Zweiter, ohne ein Rennen zu gewinnen. Er hatte erst ein Mal eine echte Chance dazu. Das war 2008 beim Großen Preis von Kanada. Er war auf einer Einstopp-Strategie unterwegs und lag perfekt im Rennen. Wäre es nicht sein Teamkollege Kubica gewesen, der von hinten im strategiebedingt leichteren Auto angekommen wäre, hätte es kein Vorbeikommen gegeben.


Schnurgerader Aufstieg bis in die Formel 1.

Der kleine Nick wurde im Renntempo zu „Quick Nick". Er war noch nicht einmal fünf, als er mit seinen Brüdern Sven und Tim Motocross fuhr. Die Eltern, Angelika und Wolfgang, förderten ihre Söhne, wo andere Mütter und Väter in Angst erstarren. Auf der alten Kartbahn am Nürburgring saß er erstmals im Leihkart- mit dicken Kissen im Rücken. Obwohl er kaum an die Pedalerie heranreichte, hängte er gleich seinen Vater ab. Als Achtjähriger bekam er sein erstes eigenes Kart. Siege bei Clubmeisterschaften in Kerpen-Manheim, Rennen auf nationaler Ebene, Teilnahmen an EM- und WM-Läufen folgten.

Als 17-Jähriger gewann er die Deutsche Formel Ford 1600-Meisterschaft mit acht Siegen in neun Rennen. Ein Jahr später holte er den Titel in der Formel Ford 1800.1996 war er als 19-Jähriger der Jüngste im Feld der Deutschen Formel 3. Es wurde ein starker Einstieg: drei Siege und Rang drei im Gesamt¬klassement. Außerdem holte ersieh die Poleposition und einen Laufsieg beim Formel-3-Weltfinale in Macau sowie Platz drei beim Masters in Zandvoort. 1997 absolvierte er seinen ersten Formel-1 -Test mit McLaren Mercedes -prompt galt er als kommender Superstar. Unbeirrt vom neuen Erwartungsdruck gewann er die Deutsche Formel-3-Meisterschaft mit fünf Siegen und oben¬drein den Formel-3-Grand-Prix in Monaco. 1998 und 1999 ging er seinen Weg in der Internationalen Formel 3000 weiter: Drei Siege und Zweiter der Meisterschaft im ersten Jahr, im zweiten Jahr dominierte er und holte mit vier Siegen den Titel. Parallel testete er Formel 1.


Zähe Jahre in der Königsklasse.

Seit 2000 ist er Stammfahrer in der Formel 1, auf ein konkurrenzfähiges Auto musste er lange warten. Die Lage im Team von Alain Prost erwies sich als hoffnungslos. 2001 wechselte er ins Privatteam von Peter Sauber. Kimi Räikkönen wurde sein Teamkollege, 2002 war es Felipe Massa. Er hat sie beide geschlagen - und gelernt, wie der Vergleich mit Newcomern wahrgenommen wird: „Wenn du schneller bist als so ein Wunderkind, ist es normal. Wenn du langsamer bist, bist du der Depp. Man kann in der Situation nicht gewinnen, deshalb sollte man einfach konzentriert weiter arbeiten."

Bei Sauber erzielte er 2001 in Brasilien seinen ersten Podestplatz und fuhr insgesamt drei Jahre für das Team. „Eine schöne Zeit", sagt Heidfeld, der damals seine monegassische Wohnung gegen ein Haus in Stäfa in der Schweiz tauschte. Ein altes, liebevoll restauriertes Haus mit moderner Kunst, einem Fitnessstudio, reichlich Gegend zum Rad fahren und vor allem mit der Möglichkeit eines ungestörten Privatlebens plus der relativen Nähe zu Zürich.

Als Ende 2003 sein Vertrag bei Sauber nicht verlängert wurde, fand Heidfeld erst spät noch einen Platz im unterlegenen Jordan-Team. Einen Winter später gestaltete sich die Cockpit-Suche noch aufreibender. Frank Williams wollte ihn haben, konnte sich aber lange nicht entscheiden, wie er die Rollen von Einsatz -und Testfahrerzwischen Heidfeld und Antonio Pizzonia aufteilen sollte. In einem monatelangen Shoot-out verdiente sich der Deutsche das Renncockpit im damaligen BMW-Williams-F1 Team und in der folgenden Saison 2005 auch gleich den Respekt von Mario Theissen.


BMW seit 2005.

Heidfeld holte im Williams BMW eine Poleposition und drei Podestplätze, obwohl die Saison für ihn nach einem Testunfall wegen einer gebrochenen Radaufhängung in Monza und eines folgenden Fahrradunfalls vorzeitig endete. Er erlebte im Juni 2005 die Geburtsstunde des BMW Sauber F1 Teams hautnah mit und ist seither an Bord. „So überzeugend wie dieses", sagt er, „hat noch kein Team in der Formel 1 angefangen. Wir haben jetzt drei Jahre lang unsere Ziele mindestens erreicht, wenn nicht übertroffen."

In der Debütsaison 2006 holte er als Dritter in Ungarn den ersten Pokal für das junge Team, 2007 den ersten Startplatz in der ersten Reihe und zwei weitere Podestplätze. 2008 fuhr er die ersten zwei schnellsten Rennrunden für das Team und wurde vier Mal Zweiter. Für 2009 hofft er: „Dass unser Auto trotz der radikalen Reglementänderungen siegfähig ist und wir um den Titel mitkämpfen können." Nick Heidfeld will gewinnen.



Interview.

Fragen an Nick Heidfeld:

Wie wichtig ist in der F1 Talent, und wie viel kann man sich erarbeiten?

Zu Talent gehören für mich Instinkt, Fahrzeugbeherrschung, Spaß an der Sache und letztlich purer Speed. Das kann man nicht erlernen, und insofern ist Talent das Wichtigste. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht auch noch eine Menge erarbeiten müsste. Die Datenerfassung ist extrem umfangreich und aufschlussreich. Daraus zu lesen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, erfordert viel Zeit und Konzentration.


Was ist das Wichtigste, das Sie 2008 gelernt haben?

Dass es sich auszahlt, unter allen Umständen einen kühlen Kopf zu behalten.


Was erwarten Sie von Wiedereinführung der Slicks?

Ich habe in den vergangenen Jahren immer gesagt, Slicks wären das erste, was ich mir an Veränderung wünschen würde. Entsprechend froh bin ich, dass wir sie zurückbekommen. Ein F1 -Auto gehört einfach auf Slicks. Das sieht viel besser aus, und ich habe es nie gemocht, dass man ausgerechnet an der einzigen Schnittstelle, mit der man die Kraft und Fähigkeiten eines Formel-1 -Wagens auf die Straße bringt, Kompromisse macht. Ich denke, dass die Slicks meinem Fahrstil zugute kommen. Aber Formel-1 -Fahrzeuge, zumal mit den anstehenden Veränderungen, und -Reifen sind extrem komplex. Deshalb werde ich das mit Sicherheit erst sagen können, wenn wir mit dem F1.09 entsprechend Erfahrung und auch den Vergleich mit der Konkurrenz haben.


Was trauen Sie sich und dem Team 2009 zu?

Es war schon beeindruckend, wie wir es 2006, 2007 und 2008 geschafft haben, unsere Ziele zu erreichen. Also würde ich normalerweise sagen, dass uns das bestimmt auch 2009 gelingt, wenn wir um die WM mitkämpfen wollen. Aber in der kommenden Saison wird sich durch das neue Reglement so viel verändern, dass die Kräfteverhältnisse durcheinander geraten könnten. Ich hoffe aber sehr, dass wir uns entsprechend gut aufstellen.


Sie interessieren sich für Kunst- haben Sie ein Lieblingsobjekt?

Ja, das ist ein Bild des kanadischen Künstlers Zilon. Es heißt „Dermons" und hängt schon ein paar Jahre über unserem Esstisch. Auf den ersten Blick sieht man nur bunte Linien und dick aufgetragene Farbkleckse, ein ziemliches Chaos. Dann entdeckt man die Gesichter der Dämonen. Erst nur eines in der Mitte, dann immer mehr, sie sind überall. Das Bild ist spannend. Ich habe es in Montreal gekauft. Ich mag die Galerien in der Altstadt. Das ist einer der Gründe, warum ich hoffe, da bald wieder hinzukommen!


Ihr heimischer Fuhrpark wächst. Welche Autos besitzen Sie?

Ich habe einen BMW M3, der mir sehr viel Spaß macht, und einen X5, wo wir auch die Kinder und den Hund hineinbekommen. Der X5 hat nicht nur ein gutes Raumangebot, er ist in den Schweizer Bergen, wo wir ja auch häufiger Schnee haben, ideal. Patricia fährt noch einen MINI Cooper S. An Oldtimern existiert ein Käfer Cabrio, Baujahr 1967. An dem Auto hänge ich unheimlich, meine Mutter fuhr immer ein Käfer Cabrio und tut das noch heute. Für mich ist dieses Auto das schönste Cabriolet der Welt - wegen seines Sounds und natürlich auch wegen der Erinnerungen. Vom Design hat es mir auch der Ford Mustang angetan. Ich habe einen Fastback aus dem Jahr 1965. Ein Fiat 500 von 1966 steht auch in der Garage.


Kein Sportwagen dabei?

Doch. Aber, wenn ich sage, dass ich einen Ferrari, einen Porsche oder einen Lotus habe, wird das als Protzerei verstanden. Und das ist nicht mein Ding.



Wann haben Sie Angst?

Im Rennauto erlebe ich fast nie Angst. Es sei denn, der Dreher oder der Unfall ist schon passiert und man weiß, dass der Einschlag unausweichlich ist. Das ist natürlich ein Moment, in dem man Angst verspürt. Ansonsten verbinde ich mit Angst, dass in meiner Kindheit immer alle gesagt haben, ich hätte keine. Wenn es darum ging, irgendwo raufzuklettern oder etwas anzustellen, war ich immervorn dabei.

Geändert von Martin (20.01.2009 um 13:53 Uhr)
Userpage von Martin
Mit Zitat antworten