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Alt 24.01.2007, 19:51     #15
Hermann   Hermann ist offline
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Robert Kubica.

Der Selfmademan.


Lebenslauf und Statistik. (PDF)

Robert Kubica ist erst 22 Jahre alt, blickt aber auf bereits 18 Jahre Rennsporterfahrung zurück. Vier Lenze zählte er, als er im Schaufenster eines Kaufhauses in seiner Heimatstadt Krakau ein kleines Offroad-Gefährt sah. Er bettelte so lange, bis seine Mutter Anna nachgab. Hartnäckigkeit ist typisch für Robert.

Vater Artur markierte auf einem Parkplatz einen Parcours aus Plastikflaschen, auf dem Klein-Robert seine Runden drehte. Das Gefährt hatte vier PS, und weil nur eines der beiden Hinterräder angetrieben war, verhielt es sich in Linkskurven anders als in Rechtskurven. Der Vater registrierte, wie schnell sich der Kleine auf diese Eigenart einstellen konnte. Tagelang drehte er seine Runden. Bald hielt das Vier-PS-Vehikel seinem Können nicht mehr stand.

Der Papa kaufte ihm einen kleinen Modell-Porsche mit Hinterradantrieb, der es auf bis zu 80 km/h brachte. Nicht ganz ohne für einen Knirps, aber für diesen Fünfjährigen ein Kinderspiel. Allerdings fuhr der Filius so quer, dass die Lebensdauer der Hinterreifen zum finanziellen Problem wurde. Vater Artur verkaufte den Porsche und erstand ein Kart. Doch für die Teilnahme an offiziellen Kart-Rennen gilt in Polen ein Mindestalter von zehn Jahren. Vater und Sohn fuhren ein bis zwei Mal pro Woche zur nächstgelegenen Kart-Bahn. Nächstgelegen bedeutete eine Entfernung von 150 Kilometern. Mit zehn Jahren wurde Robert für die polnische Kart-Meisterschaft zugelassen. Er holte in drei Jahren sechs Titel in zwei Kategorien.


Alles oder nichts.

Die Kubicas standen am Scheideweg. In Polen hatte Robert alles gewonnen, aber das brachte ihn nicht weiter. Der Vater entschied sich für ein hohes Risiko und nahm einen Bankkredit auf, um seinem Sohn eine Karriere in der hart umkämpften italienischen Meisterschaft zu ermöglichen.

Während die Konkurrenz in perfekt eingerichteten Trucks anreiste, zurrten die Kubicas das Kart aufs Pkw-Dach. Der BMW war Vaters Stolz. Mit ein paar Ersatzteilen im Kofferraum traten Vater und Sohn die rund 1500 Kilometer lange Reise zum ersten Rennen an. Die Erfolge waren durchschlagend, aber das Geld nach wenigen Rennen aufgebraucht. Robert erhielt einen rettenden Vertrag beim Kart-Hersteller CRG. Im Alter von 13 Jahren zog er nach Italien in ein Zimmer bei seinem Arbeitgeber. Sein Leben drehte sich jetzt um Rundenzeiten, und er lernte Italienisch. Noch im gleichen Jahr, 1998, gewann er als erster Ausländer die italienische Kart-Meisterschaft. Die EM schloss er als Zweiter ab. Obendrein gewann er den prestigeträchtigen Monaco Kart Cup. Ein Jahr später wiederholte er seinen Sieg in der italienischen Meisterschaft, fügte den Titel in Deutschland hinzu, gewann erneut den Monaco Kart Cup, das Elf Master sowie die angesehene Margutti Trophy.

Nach einem weiteren Jahr im Kartsport nahm ihn Fahrermanager Daniele Morelli unter Vertrag und ermöglichte ihm einen Test in einen Formel Renault 2000. Morelli war es auch, der die Sponsoren für eine Saison in der italienischen Formel Renault an Land holte. Im ersten Jahr gelang Kubica eine Poleposition, und er fand Aufnahme ins Förderprogramm von Renault.

Mit Links zum Sieg.

2003 war es Zeit für den nächsten Schritt. Kubica testete im Winter einen Formel 3, doch sein Aufstieg erhielt einen jähen Dämpfer: Kurz vor Saisonstart wurde er als Beifahrer in einen Straßenunfall verwickelt und zog sich dabei komplizierte Brüche am rechten Arm zu. Die Ärzte sagten ihm eine Rekonvaleszenz von bis zu sechs Monaten voraus. „Das Schlimmste daran war, dass ich nicht wusste, ob diese Verletzung negative Auswirkungen auf meine weitere Karriere haben würde“, beschreibt der Pole seine Ängste.

Gut fünf Wochen nach dem Unfall saß Kubica wieder im Rennauto, beim Lauf zur Formel 3 Euro Serie am Norisring. Seine rechte Hand wurde durch eine Kunststoffmanschette geschützt und sein Arm von 18 Titanschrauben gehalten. Er gewann das Rennen trotzdem. Was für ein Einstand!

Bei Wintertestfahrten beeindruckte Kubica das Team Epsilon Euskadi nachhaltig und wurde für die World Series by Renault 2005 unter Vertrag genommen. Dort gewann er vier Rennen und stand bereits drei Läufe vor Schluss als Champion fest. Ein wichtiger Erfolg, denn die Belohnung für den Sieger war ein Test in einem Renault Formel 1, der Anfang Dezember 2005 in Jerez stattfand. Kubica konnte zwar nur rund drei Stunden fahren, hinterließ aber beeindruckende Rundenzeiten. Drei Wochen später verpflichtete ihn BMW Motorsport Direktor Mario Theissen, der Kubicas erfolgreichen Einsatz beim F3-Grand-Prix in Macau im November persönlich verfolgt hatte, als Test- und Ersatzfahrer des BMW Sauber F1 Teams, ohne ihn getestet zu haben. Zweifelsohne ein gewisses Risiko, aber im Januar bereits abgehakt. Kubica fuhr gute Rundenzeiten, zeigte Konstanz und ein verblüffend gutes technisches Feedback. Der gerade 21-jährige Pole verrichtete seine Arbeit mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Einfach raus und volle Pulle.

Bei seinem ersten Einsatz als Freitagsfahrer beim Saisonauftakt in Bahrain, einer für ihn neuen Strecke, erschien sein Name nach wenigen Runden zuoberst auf der Zeitenliste. „Ich schaue mir Onboard-Bilder an und gehe die Strecke zu Fuß ab, um zu sehen, wo es Bodenwellen gibt. Das ist alles“, spielt er seine Qualität herunter. Während er selbst seinen F1-Einstieg gelassen nahm, brach in Polen die Kubica-Mania aus. Über Nacht wurde er zum Superstar und zum beliebten Sujet für Titelbilder. Mit dem GP Ungarn verschärfte sich die Situation: Kubica wurde zum Einsatzfahrer befördert.

Ein schwierigeres Rennen hätte man sich für ein Debüt kaum aussuchen können. Trotz chaotischer Wetterbedingungen fuhr Kubica als Siebter ins Ziel. Ein technisches Missgeschick war Schuld daran, dass ihm seine ersten WM-Punkte verwehrt blieben. Die holte er zwei Grands Prix später in Monza – und zwar gleich mit einem Podiumsplatz. Dass sich an diesem Tag, an dem Michael Schumacher seinen Rücktritt verkündete, alles um den siebenmaligen Weltmeister drehte, war Kubica nicht unangenehm: „Dann stehe ich weniger im Mittelpunkt. Wichtig ist meine Leistung und nicht der Rummel um meine Person.“ Auch das ist typisch für ihn.

Kubica ist ein Typ mit Bodenhaftung. Seine Jugendjahre in Italien und die Rückschläge in seiner Karriere haben ihn geprägt. Er kann sehr gut unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig, und er hat nicht vergessen, wer ihn unterstützt hat. Neben Rennen, Tests und Sponsorenterminen blieb ihm kaum Freizeit, aber auch das störte ihn nicht: „Ich mache das, was mir am meisten Spaß macht. So gesehen habe ich das ganze Jahr über Ferien.“

Interview.

Fragen an Robert Kubica:

Wer hat Ihnen zum Anfang Ihrer Laufbahn am meisten geholfen?


Das waren natürlich meine Eltern. Ich bin sehr stolz auf sie und dankbar für das, was sie für mich getan haben. Wenn man so jung ist, kann man noch nicht enfach so selbst entscheiden, sondern ist auf Eltern angewiesen. Mein Vater und meine Mutter haben immer akzeptiert und unterstützt, was ich tat. Im Alter von acht bis zehn habe ich sehr viel trainiert. In Krakau gab es keine Kartbahn, wir mussten immer 150 Kilometer fahren. Das hat meinen Vater viel Zeit und Geld gekostet.

Wie war das, als 13-Jähriger allein nach Italien umzusiedeln?

Ich hatte in Polen keine Gegner mehr, und die italienische war zu dieser Zeit die härteste Kartmeisterschaft. Wir wollten sehen, ob ich gegen die besten Fahrer Europas eine Chance habe. Zuvor haben das ein paar andere polnische Fahrer versucht, aber es nie ins Finale der besten 20 geschafft. Also war das unser Ziel. Aber dann habe ich die Poleposition geholt und bin beim ersten Renneinsatz zwei Mal als Zweiter ins Ziel gekommen. Das war auch für meinen Vater eine wichtige Bestätigung. Es lief gut, aber es gab auch sehr schlechte Zeiten, weil meinem Vater das Geld ausging. Auch wenn man 1998 für polnische Verhältnisse recht gut situiert war, war das im Ausland nichts. Heute noch ist der Einkommensdurchschnitt in Deutschland oder Italien um das sechs- bis siebenfache höher als in Polen. Als wir uns gerade noch ein Rennen zur Europameisterschaft leisten konnten, bekam ich zum Glück den Vertrag bei CRG. Anfangs habe ich bei der Familie des Besitzers gelebt, ab 16 dann allein. Meine Eltern konnten sich keine häufigen Besuche leisten. In so einer Situation muss man schnell viel über das Leben lernen. Man wird rasch erwachsen.

Was war Ihr schlechtestes Erlebnis?

Ganz sicher mein Autounfall, als ich als Beifahrer verletzt wurde. Mein Arm war so kaputt, dass man von sechs Monaten Rehabilitation ausging. Später von drei Monaten. Aber ich bin nach einem Monat und zehn Tagen mein allererstes Formel-3-Rennen gefahren und habe es gewonnen. Ich wollte so schnell wie irgend möglich wieder zurück ins Auto. Der Unfall ist in Polen passiert, und ich wurde dann nach Italien gebracht. Den Ärzten dort bin ich sehr dankbar, sie haben mich hervorragend betreut.

Was war der beste Moment in Ihrer Laufbahn?

Das war wohl dieses Formel-3-Rennen auf dem Norisring. Ich konnte den einen Arm nur zu 70 Prozent belasten, den anderen brauchte ich zum Schalten. Der Norisring hat keine schnellen Kurven, das hat natürlich geholfen. Aber dieser Sieg in der Euro Serie war wirklich toll für mich.

Hatten Sie sich die Formel 1 zum Ziel gesetzt?

Die Formel 1 war ein Traum, aber kein Ziel für mich. Meine Ziele waren realistischer. Um in diese Welt eintreten zu können, braucht man eine Portion Glück. Zumal, wenn man kein Geld hat. Das Glück hatte ich, als mich Mario Theissen anrief und mir im Dezember 2005 den Job als Testfahrer anbot.

Sie sind 1,84 Meter groß – macht das Probleme im Auto?

Das Cockpit des F1.06 war für kleinere Fahrer ausgelegt. Das war nicht ganz einfach für mich. Ich wäre gerne ein paar Zentimeter kleiner. Ehe ich den Vertrag unterschreiben konnte, haben Mario Theissen und Peter Sauber verlangt, dass ich ins Auto steige, um zu sehen, ob das klappt. Ich habe natürlich alles getan, um das hinzukriegen und gesagt, dass ich da ganz prima reinpasse. So eine Chance kann man unmöglich wegwerfen. Kurz vor Ende der Saison 2006 habe ich dann ein neues Chassis mit einem etwas größeren Cockpit bekommen

Wo liegen Ihre Stärken?

Im Kopf. Ich bin mental ziemlich stark. Ich habe gelernt, dass mindestens 50 Prozent des Erfolgs aus dem Kopf und aus mentaler Vorbereitung kommen.
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Viele Grüße Hermann

"Nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft"Heinrich von Kleist

Geändert von Wolfhart (10.06.2007 um 11:34 Uhr)
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