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Eine Legende kehrt zurück - 22.10.2002 [Archiv] - BMW-Treff Forum

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Hermann
30.11.2002, 19:26
Eine über 50jährige Odyssee geht zu Ende: Das BMW 328 Mille Miglia Coupé Touring, mit dem Fritz Huschke von Hanstein und Walter Bäumer 1940 die Mille Miglia gewannen, kehrt nach München zurück. Im Rahmen einer Pressekonferenz mit anschließender Ausfahrt wurde das Fahrzeug vom Vorbesitzer, dem US-amerikanischen Oldtimer Enthusiasten Jim Proffit, der BMW Group Mobilen Tradition übergeben. Vor 17 Jahren hatte es der kalifornische Sammler Jim Proffit entdeckt und restauriert. Seither nahm es an zahlreichen Concours d'Elegances, historischen Rennen und auch an den Mille Miglia Wettbewerben teil. Proffit und BMW Group einigten sich nun auf die Rückgabe des einmaligen Wettbewerbswagens, einem Meilenstein in der Geschichte der Bayerischen Motoren Werke. "Es gibt kaum ein Vorkriegs-Fahrzeug, das die Marke BMW so geprägt hat, wie dieses Coupè. Deshalb freuen wir uns besonders, dass es nach so langer Zeit wieder nach München zurückkehrt," sagte der Leiter der BMW Group Mobile Tradition.

Das Rezept: Reihensechszylinder, Gitterrohrrahmen und Aluminiumkarosserie.

Der einzigartige BMW 328 war 1939 von Touring in Mailand karossiert worden. Das Chassis mit der Nummer 85368 wurde mit einem filigranen Gitterrohrrahmen und einer Außenhaut aus Aluminium ausgestattet. Diese "superleggera" - superleichte - Karosserie mit der Touring-Nummer 2312 machte das fahrfertige Coupé ganze 780 Kilogramm leicht. Mit dem 130 PS starken Reihensechszylinder unter der Haube erreichte der Zweisitzer eine Spitzengeschwindigkeit von 220 km/h.

Der Erfolg: Ein Start-Ziel Sieg über 1.600 Kilometer.

Schon beim ersten Einsatz, dem 24 Stunden Rennen von Le Mans 1939, siegte der leichte Renner in seiner Klasse souverän und belegte einen sensationellen 5. Platz in der Gesamtwertung vor sehr viel stärkeren Wettbewerbern. Ein Jahr später, am 28. April 1940, fuhr der legendäre Rennfahrer Fritz Huschke von Hanstein (1911 - 1996) gemeinsam mit Walter Bäumer auf dem 1.600 km langen Kurs der Mille Miglia, dem damals längsten und schwierigsten, aber auch prestigeträchtigsten Straßenrennen der Welt, unangefochten auf Platz eins. Seinen Triumph erzielte der damals 29-jährige von Hanstein mit Startnummer 70. Der "Rennbaron" setzte sich vom Start weg an die Spitze des 74 Teilnehmer starken Feldes und legte die Gesamtstrecke in weniger als neun Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 170 km/h zurück. Am Ziel hatte das BMW-Team vor den bis dahin übermächtigen Alfa- Romeo-Werksteams 15 Minuten Vorsprung. Dies war der bis dahin bedeutendste Sieg für das noch junge Automobilunternehmen BMW. Abgerundet wurde der Sieg noch durch die hervorragenden Platzierungen der 328 Roadster auf den Plätzen 3, 5 und 6.

BMW Group Mobile Tradition

Um die Geschichte des Unternehmens und seiner Produkte lebendig zu halten, sie zu pflegen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde 1994 eigens ein Unternehmensbereich, "Mobile Tradition" genannt, ins Leben gerufen. Sie ist Seele und Gedächtnis der BMW Group, denn sie sammelt, erhält und schützt die Bestände der reichhaltigen Geschichte von Unternehmen und Marke. Alle Aktivitäten, die weltweit mit der Historie der BMW Group zu tun haben, werden hier koordiniert. Die Bezeichnung "Mobile Tradition" unterstreicht das Selbstverständnis dieses Unternehmensbereiches, denn sie begreift Tradition nicht als statische Konservierung von Vergangenheit, sondern als lebendigen Umgang mit historischen Produkten, die einst die Freude am Fahren verkörperten und diese Funktion auch weiterhin ausüben sollen. Unter www.bmwmobiletradition.de erhalten Sie weitere Informationen zu den Aktivitäten der BMW Group Mobile Tradition, die auch ein Historisches Archiv, die Historische Fahrzeugsammlung, den technischen Service und Teilevertrieb sowie den Bereich Kommunikation und Marketing umfasst.

Dokumentation einer Legende - Das BMW 328 Mille Miglia Coupé Touring

Schon als Prototyp ließ der BMW 328 eine phänomenale Karriere erahnen.

Nach dem ersten Renneinsatz und Sieg beim Eifelrennen auf dem Nürburgring am 14. Juni 1936 mit Ernst Henne am Steuer, entwickelte sich der BMW 328 Sportwagen zu einer Legende des Motorsports. Am Ende seiner aktiven Rennkarriere, schon in den fünfziger Jahren, blickte man auf über 200 Siege zurück - kein anderer Wagen seiner Klasse hatte eine ähnliche Erfolgsbilanz aufzuweisen.

Neben den typischen 328 Roadstern mit BMW Werkskarosserie entstanden Ende der dreißiger Jahre einige wenige Rennsportversionen mit Leichtbaukarosserien nach neuesten Erkenntnissen der Aerodynamik. Berühmtestes Modell dieser exklusiven Gruppe ist ein BMW 328 Coupé, das 1939 für den Einsatz in Le Mans bei der berühmten Karosserieschmiede Touring in Mailand in Auftrag gegeben wurde, da das Reglement nun auch geschlossene Wagen zuließ.

Die Firma Carozzeria Touring hatte große Erfahrung und Erfolge (Alfa Romeo) mit sogenannten "Superleggera"-Aufbauten, aluminiumbeplankte, extrem leichte Rohrkonstruktionen und nahm den Auftrag an, ein BMW 328 Fahrgestell binnen kürzester Zeit für Le Mans 1939 mit einer geschlossenen Leichtbaukarosserie auszurüsten. In München wurde inzwischen ein normalerweise 80 PS leistender BMW 328 Motor auf ca. 110 PS leistungsgesteigert.

Das zweisitzige Coupé wurde gerade noch rechtzeitig fertig und erwies sich nicht nur als sehr schnell, sondern auch äußerst attraktiv in der Linienführung. Der Erfolg in Le Mans blieb nicht aus. Die drei gestarteten BMW 328 belegten in Ihrer Klasse die ersten Plätze, den Sieg holten die Fahrer Prinz Max zu Schaumburg-Lippe und Hans Wencher auf dem wie es damals hieß "Stromlinien-Innenlenker", dem 328 Touring Coupé. Der Wagen hatte sich als der Konkurrenz erstaunlich überlegen erwiesen. Durchschnittsgeschwindigkeit 132,8 km/h, das bedeutete rund 10% über dem bisherigen Rekord in der Zweiliterklasse, selbst in der Gesamtwertung auf dem 5. Platz musste sich dieser eher zierliche BMW nur Rennboliden mit Motoren zwischen 3 und 4,5 Litern geschlagen geben.

Doch für die nächste Rennsaison, aufgrund des Krieges sollte es für BMW die vorerst letzte sein, hatte man sich noch mehr vorgenommen.

1940 fand, nach einjähriger Pause aufgrund eines verheerenden Unfalls beim Rennen von 1938, die Mille Miglia, das berühmteste und schwerste Autorennen der Welt, auf einem neuen Kurs statt. Anstatt mitten durch Städte und Dörfer zwischen Brescia und Rom führte der neue Kurs, gleichsam als Hochgeschwindigkeitsstrecke über ausgebaute Landstrassen zwischen Brescia, Mantua und Cremona.

Erneut unter enormem Zeitdruck gelingt es BMW für dieses Rennen, den "1. Gran Premio Brescia delle Mille Miglia", das am 28 April 1940 in Brescia startet, fünf Spezial-328, alle mit Leichtbaukarosserien, fertig zu stellen: drei offene Sportwagen, ein in München entwickeltes Stromlinien-Coupé und den Siegerwagen von Le Mans.

Gesteuert von einigen der berühmtesten Rennfahrern Ihrer Zeit, darunter Fritz Huschke von Hanstein und Walter Bäumer im 328 Touring Coupé, fahren drei Wagen schließlich im März 1940 im Konvoi auf eigener Achse über die Alpen - man möchte in Italien noch ausgiebig trainieren!

Trotz politischer Wirren wird am 28. April die Startflagge gehoben. Aufgrund seines Hochgeschwindigkeitscharakters galt das Rennen als Prüfstein für den Stand der damaligen Renntechnologie. So war selbst Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer angereist, ohne dass ein Mercedes-Wagen eingesetzt wurde, um den Stand der Technik bei der Konkurrenz zu beobachten.

Von Anfang an setzten sich von Hanstein und Bäumer im Le Mans Siegerwagen an die Spitze, dicht gefolgt vom zweiten 328 Coupé und den favorisierten Alfa Romeos. Stets am Limit fahrend, lassen sich die Piloten des Touring Coupés nicht mehr einholen. Unter dem Jubel der Zuschauer rast der Stromlinien BMW schließlich nach neun Runden und fast 1000 Meilen als Gesamtsieger über die Ziellinie - eine Viertelstunde muss das Publikum warten, ehe der Zweite, ein überlegen motorisierter 2,5 Liter Alfa Romeo, im Ziel eintrifft. . .

Die Fahrer von Hanstein und Bäumer haben mit dem BMW 328 Touring Coupé bei einem Geschwindigkeitsdurchschnitt von fast unglaublichen 166,724 km/h einen phänomenalen Sieg errungen, der als Legende in die Geschichte des internationalen Rennsports einging und bis heute lebendig ist. Kein anderes Fahrzeug hat die Geschichte des BMW Motorsports nachhaltiger und charaktervoller geprägt.

Der intelligente Einsatz hochmoderner Technologien trug zu diesem Erfolg entscheidend bei, eine Strategie, der BMW bis heute nicht nur im Rennsport erfolgreich treu geblieben ist.

Bis Kriegsende war dieser Einsatz beim Gran Premio delle Mille Miglia der letzte öffentliche Auftritt dieses BMW 328. Die BMW Rennabteilung wurde Anfang 1941 aufgelöst, ihr Leiter Ernst Loof und die meisten seiner Mitarbeiter mussten im Auftrag der Luftwaffe nach Paris um dort in einem Reparaturwerk für Flugmotoren zu arbeiten.

Das weitere Schicksal des BMW 328 Coupés während des Krieges bleibt ungewiß. Während die übrigen BMW Rennsportfahrzeuge und Versuchsanlagen an verschiedenen geheimen Orten in Bayern ausgelagert wurden fehlt von diesem Wagen zunächst jede Spur. Nach dem Einmarsch der Allierten im Mai 1945 taucht der Wagen wieder auf und wird kurz darauf durch US-Offiziere beschlagnahmt. Auf einer Spritztour gerät das Mille Miglia Coupé außer Kontrolle, landet in der Nähe von Freising im Straßengraben und wird dort liegen gelassen. Zufällig erfährt der ehemalige BMW Ingenieur Claus von Rücker, ehemals in führender Position im BMW Flugmotorenwerk Allach und nun dort von den Besatzern als Betriebsleiter Ihres Reparaturwerks eingesetzt, von diesem Unfall. Von Rücker erkennt um welche Rarität es sich handelt und rettet das inzwischen in der US-Militärfarbe olivgrün umlackierte Auto. Nach offizieller Schätzung konnte er das Fahrzeug schließlich von der zuständigen Behörde erwerben.

Von Rücker beginnt den beschädigten Mille Miglia Wagen eigenhändig zu reparieren und ist damit soweit erfolgreich, dass er im Juni 1946 beim ersten Autorennen im Nachkriegsdeutschland, dem Ruhestein Bergrennen, von seinem Freund, dem Rennfahrer Hermann Lang eingesetzt werden kann und Lang gewinnt sogar diesen ersten Rennsporteinsatz.

Als Claus von Rücker wenig später, Ende 1947, nach Kanada emigriert, nimmt er das Mille Miglia Coupé mit und verkauft es bald danach an den New Yorker Fotografen und Rennfahrer Robert Grier. Der Rennwagen wird in rot umlackiert und erhält mächtige Stoßfänger vorn und hinten. Der Amerikaner fährt das legendäre Auto einige Jahre im normalen Straßenverkehr und bei Bergrennen wie z.B. Watkins Glen.

Nach dem Tod von Robert Grier Mitte der fünfziger Jahre, geht das Auto in den Besitz seiner Witwe über und bleibt in ziemlich ramponiertem Zustand für rund dreißig Jahre in einer angemieteten Garage im Arbeiterviertel der Kleinstadt Wallingford / Connecticut verborgen. Mitte der Achtziger Jahre entdeckt der kalifornische Sammler und Restaurator Jim Proffit den einmaligen BMW Rennwagen und bringt ihn in seinen Besitz. Über Jahre hinweg restauriert und rekonstruiert Proffit das Coupé und bringt es in einen wieder einsatzfähigen Zustand. Bei historischen Autorennen ist Proffit damit eindrucksvoll präsent und spielt bereits damals mit dem Gedanken, den Wagen irgendwann einmal an seinen Ursprungsort zurückzuführen.

Nach langen Verhandlungen mit der BMW Group Mobilen Tradition, der Unternehmenssparte der BMW Group, die für alle Bereiche der BMW und Mini Historie verantwortlich ist, konnte schließlich im Sommer 2002 eine Einigung erzielt werden.

Das BMW 328 "Mille Miglia" Coupé Touring ist heute das Glanzlicht der Sammlung historischer BMW Motorsportfahrzeuge.

Technische Daten

Fahrgestellnummer 85368

Baujahr 1939<br>
Motor Sechszylinder-Reihenmotor<br>
Bohrung x Hub 66 x 96 mm<br>
Hubraum 1971 ccm<br>
Verdichtung 11,4 : 1<br>
Leistung 136 PS bei 6000 U/min<br>
Vergaser 3 Solex 30 JF<br>
Besonderheiten Motor<br>
Vergaser auf 32 mm aufgebohrt,erleichterter Ventiltrieb,Kurbelwelle mit 9 Gegengewichten<br>
Getriebe Hurth 328 Viergang + R<br>
Achsübersetzung 3,44 : 1<br>
Bremsen Alfin-Trommelbremsen 280 mm<br>
Länge 3990 mm<br>
Breite 1520 mm<br>
Höhe 1320 mm<br>
Radstand 2400 mm<br>
Spurweite v/h 1153/1220 mm<br>
Gewicht fahrfertig 780 kg<br>
Reifengröße v/h 5,00 x 17/5,50 x 17<br>
Tankvolumen 100 Liter<br>
Luftwiderstandsbeiwert cw 0,35<br>
Höchstgeschwindigkeit 220 km/h<br>